Axel Monte: Allein auf hoher See

Über: Jürgen Ploog, «Simulatives Schreiben», Verlag Peter Engstler, 2008
ISBN 978-3-929375-85-5, 50 Seiten, 11 Euro

Es gibt Bücher, denen begegnet man für gewöhnlich nur in Büchern. In solchen von Joseph Conrad, Jack London oder Mark Twain. Sie tragen Titel wie: «Nautisches Handbuch für die Gewässer der südlichen Javasee», oder schlicht «Mississippi Pilot». Ohne sie erlitten die Protagonisten in der tückischen Strömung Schiffbruch oder würden sich fiese Snags & Sawyers in den Schiffsrumpf rammen. Diese Bücher sind die unauffälligen Helden der Geschichten, ihre Verfasser bleiben zumeist anonym.

Jetzt ist ein solches Buch quasi aus den Büchern herausgetreten, und sein Verfasser heißt Jürgen Ploog (zu Ploog, dem Nestor der deutschen Cut-up-Bewegung, siehe ausführlich Volltext Nr.5/2005). Er hat es geschrieben, um «gelegentlich den Vorhang zu heben, um den Blick hinter die Kulissen des Schreibens freizugeben», weil er sich «von Zeit zu Zeit selbst vergewissern will, was da eigentlich vor sich geht» (S. 7). Das tückische Gewässer, das hier befahren wird, ist also die Sprache und ihre schriftliche Fixierung. Laut Ploog ist das Schreiben in die Krise geraten, weil es nicht mehr in der Lage ist, unsere Vorstellung von Realität adäquat abzubilden: «Die linear-hierarchischen Muster der alphabetischen Kodierung taugen nicht mehr, Vorgänge der aus den materiellen Gegebenheiten ausgebrochenen Lebenswelt zu erfassen. Dass sie immer noch angewendet werden, hat zur gegenwärtigen Krise der Wahrnehmung geführt.» (S. 17)
Was tut nun der Wort-Pilot (was ja ursprünglich «Lotse» bedeutet), wenn er in solch schwere See geraten ist? Er schaut ins nautische Handbuch und liest: «Es kommt darauf an, das lineare Handicap & die Ist-Fixierung der Sprache zu überwinden. (…) Ein erster Schritt dazu setzt voraus, die Schrift zu entinstrumentalisieren & sie schlichtweg als Material zu behandeln.» (S. 26)
Das kann zum Beispiel durch eine Montagetechnik wie dem Cut-up geschehen. Die so entstehenden Satzfetzen besitzen «keinen logischen linearen Sinn & widersetzen sich kausaler Kontinuität. Ihr asemantischer Charakter hat sie zu Material reduziert«, zu «Rohstoff, (…) frei gegenüber dem gewohnten Verwendungszweck» (S. 34).
Aber, und das ist wesentlich: «Das einfache Zerreissen eines Texts wäre destruktiv, seine Teile blieben nutzlos, verstümmelt. In Verbindung mit anderen Textteilen gewinnen Fragmente die Chance, sich zu einem Anderen, Dritten zu fügen.» (S. 40) Beim Zusammenschneiden zweier (oder mehrerer) Quellen ensteht also etwas, das Burroughs als «Third Mind» bezeichnet hat. «Dieses Dritte, in dem der Zufall sowohl zum Schreiber wie zum Leser spricht, ist etwas, das der Geste des Schreibens zu einer anderen Reichweite verhilft. In ihm tritt das Wort ohne syntaktische Festlegungen auf. Es kann in alle Richtungen Verbindungen eingehen (…).» (S. 42) … was zum Wesen des simulativen Schreibens gehört. Und wer auf diese Art schreibt, «kann Gegenden finden, in denen er noch nie gewesen ist» (S. 43). Der Schreiber als Navigator.
Zwangsläufig relativiert sich auch die Rolle des Autors, er wird «seine Urheberschaft in dem Mass verlieren, in dem er sich dem Basteln zuwendet» (S. 30). Das heißt, der Autor tritt in den Hintergrund, wie die Verfasser der alten nautischen Handbücher. Welch scharfer Kontrast zum heutigen Literaturbetrieb, in dem zumeist das selbstverliebte und aufgeblasene Ego eines Schriftstellers zum Selbstzweck geworden ist, wodurch folglich nur Nicht-Literatur produziert wird. («In Wirklichkeit ist der Literat ein Pfuscher, und zwar der gefährlichste, den es gibt, der routinierte Pfuscher.» Bela Hamwas)
Ploog hat mit dem «Simulativen Schreiben» also etwas getan, was eigentlich selbstverständlich sein sollte, nämlich sich als Schreiber mit seiner im wahrsten Sinne des Wortes «Materie» befaßt. Bedenklich stimmt der Umstand, daß er sich damit offenbar allein auf hoher See befindet, weit und breit kein anderes Segel in Sicht.

Postskriptum: Noch ein Wort zu den sieben Collagen, die Ploog zu seinem Text angefertigt hat. Sie gleichen mentalen Seekarten, die gekonnt mit den beinahe archetypischen Symbolsystemen spielen, mit denen wir versuchen, den Ozean von Zeit und Raum abzubilden, zum Beispiel Hieroglyphen und Kalender.

Hier gehts zur Florian Vetschs Besprechung von «Simulatives Schreiben».

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