Franz Dobler – DER AUTOR UND SEINE ARMEE – Dem Schriftsteller Jörg Fauser zum 20. Todestag

Vor genau drei Jahren schrieb einer der bekanntesten und mehrfach ausgezeichneten deutschen Feuilletonschreiber in dieser Zeitung: «Der Schriftsteller Jörg Fauser wäre heute 60 Jahre alt und vergessen – wenn er noch lebte. Stattdessen avanciert er nun zum Helden des jungen Feuilletons.»

Zwei aufeinander folgende falsche Sätze – das war dann wohl so ’ne Art gedruckte Talkshow. Das Wäre-Wenn-Konstrukt auf dem Niveau von: wäre ich zum Mond geflogen, hätte ich ihn vielleicht mitgebracht! Und die knallharte «Stattdessen»-Analyse korrigiert: Fauser avancierte (nicht erst) in den letzten Jahren zu einem Helden nicht weniger Schriftsteller, die auch gelegentlich für’s Feuilleton arbeiten, deren Durchschnittsalter bei 44,4 liegen dürfte. (Jetzt darf man dem Mann* von mir aus gern einen Preis für seine – wie sagt man – einfühlsamen Literatenportraits geben).

Jörg Fauser, gestorben einen Tag nach seinem 43. Geburtstag, schrieb u.a. Kriminalromane, Essays, Gedichte und journalistische Arbeiten, denen man anmerkte, dass für ihn Worte wie «Fakten» und «Recherche» nicht zum gehobenen Smalltalk-Wortschatz gehörten. Fauser mochte ein zum Trinker gewandelter Ex-Junkie sein, aber er hatte eine Arbeitseinstellung (selbst wenn er nicht für Transatlantik, sondern das sog. Männermagazin Lui schrieb), von der viele, ganz sicher zu viele, Journalisten und Autoren nur manchmal träumen. Also ein paar Fakten (deren Reihenfolge mir der liebe Gott diktierte).

In einem langen Interview mit dem Fernsehsender br-alpha sagte Maxim Biller 1999, er habe mit Fausers autobiographischem Roman «Rohstoff» «ein phantastisches Buch gelesen» und er habe es «dreimal gelesen»; Buch und Autor nannte Biller auch acht Jahre später, als er vom Magazin New Yorker gefragt wurde, von welchen deutschen Autoren er glaube, dass sie in Deutschland besser bekannt sein sollten.

«Las und las und las und es hielt mich nichts davon ab es war verrückt was war das verdammt noch mal für eine Wahnsinnsgeschichte es wurde zwei drei vier es wurde der nächste Tag kann doch nicht wahr sein Ende. Verwandelt.», schrieb Feridun Zaimoglu über «Der Schneemann». Der Fausers größter Erfolg war, verfilmt mit Marius Müller-Westernhagen (falls nicht «Boxer Kutte» sein größter Hit war, der Text, mit dem Achim Reichel die ZDF-Hitparade stürmte).

Wiglaf Droste, Carl Weissner, Benjamin von Stuckrad-Barre, Martin Compart, Jürgen Ploog, Jan Off, Matthias Penzel und Ambros Waibel (auch die Verfasser der Biografie «Rebell im Cola-Hinterland»), Wolf Wondratschek, Andreas Niedermann, Michael Althen schrieben über Fauser nicht weniger beseelt und begeistert. Selbstverständlich wurde auch kritisch geschrieben. Und man sollte übrigens nicht davon ausgehen, dass die genannten Autoren sich alle gern haben; keiner von ihnen hat es verdient, für den Preis für den nettesten deutschen Literaten auch nur vorgeschlagen zu werden; keiner von uns hat das Hobby – das verbindet uns – Hymnen über Kollegen zu verfassen.

In seinem Vorwort zur Neuausgabe des (München-)Romans «Alles wird gut» lehnt sich mein alter Freund Helmut Krausser dermaßen weit aus dem Fenster, dass man von innen nur noch eine Hand am Fensterbrett erkennen kann. Hymne? Hoch drei! Den Erzähler Johnny Tristano habe er durchaus erfolgreich zur eigenen Persönlichkeitsgestaltung benutzt, und dann schreibt Krausser dieses wundervolle Portrait: «Fauser sah auf den ersten Blick aus wie ein Bankangestellter, das stimmt, aber auf den zweiten Blick sah er aus wie ein Bankangestellter, der abends ins Casino geht, und auf den dritten Blick ging er abends ins Casino mit dem Geld seiner Bank.»

Endlich ist die trockene Faktenhuberei beendet. Und wir werfen einen Blick von weiter oben über die Sache. Ein Autor fehlt hier noch: Friedrich Ani. Er hielt vor wenigen Tagen die Eröffnungsrede zum großen, Brecht gewidmeten «abc-Festival» in Augsburg. Sein Thema: Geschäfte. Diese Brecht-Fauser-Verbindung ist klar: «Ich bin Geschäftsmann», sagte Fauser zu Karasek im Fernsehen und, Graham Greene zitierend, «writing is my business». Ein Profi-Schreiber zu werden, war immer sein Ziel gewesen, weil er von Anfang an wusste, dass er als die Realität betrachtender Poet, der sein Geld mit Schichtarbeit am Frankfurter Flughafen verdient, keine Chance hatte. Aber ein Profi ohne Haltung ist nur die öde take-the-money-and-run-Version, und mit Haltung meinte Fauser nicht die gute Figur beim Bachmannpreis, sondern dies: «Wenn Literatur nicht bei denen bleibt, die unten sind, kann sie gleich als Partyservice anheuern.»

Ohne das Zitat zu benötigen, sprach Ani von dieser Haltung – besser gesagt vom Problem, das wir haben: es tut uns allen (und natürlich wusste das Fauser) so oft saugut, beim Partyservice anzuheuern. Weil wir dann abräumen, aufsprechen, angeben, abschleppen, anbahnen und anfixen können. Weil wir so oft zu müde, zu feige sind für die gute take-the-money-and-run-Aktion; weil unser Konto brüllt, wenn der Redakteur eine Streichung verlangt, die wir totsicher nicht zulassen wollten… Es hätte sich niemand beschwert, wenn Ani über Brecht schwadroniert hätte, aber er hatte eben den Mut, den ganzen Beruf zu attackieren und diese immer dümmer und härter und noch üblicher werdende Businesshaltung. Er formulierte es bitter – und jede und jeder darf sich angesprochen fühlen oder nicht: «Sie haben keine Augen mehr, sondern Kameras. Sie haben keine Ohren mehr, sondern Mikrophone. Sie haben keine Gedanken mehr, sondern Dünkel. Sie haben keine Worte mehr, nur noch Stichworte.»

Ich will es abschließend versöhnlich formulieren – die Feuilletonisten, die Talkshowbarden, die Deutscheliteraturprofessoren: sie dürfen über ihn schreiben, was sie wollen und auch aufhören, über ihn zu schreiben. Gegen diese kleine Armee hinter dem Werk von Jörg Fauser, der am 17. Juli 1987 von einem Auto überfahren wurde, als der Tag noch nicht hell war, haben sie keine Chance.

Keiner von uns wird erleben, dass dieses Werk vergessen ist – und wenn doch, dann werden wir in diesem Moment viel mehr erleben, dann haben Sie und wir alle vergessen, ob wir jemals «Mein Kampf» oder Grass oder «Die Harry Gelb Story» gelesen haben.

(Anm. d. A., 15.2.2013: * Willi Winkler).

Dieser Artikel erschien am 17. Juli 2007 in der «Süddeutschen Zeitung».

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