Marvin Chlada und Florian Günther sprechen über Literatur und Fotographie, das Reisen und die Frauen, den Tod und das Leben …

Stark gekürzte Fassung eines 40seitigen Interviews mit Florian Günther. Das gesamte Gespräch findet sich in: Florian Günther: «Reisen ohne wegzumüssen – Fotografien 1984-1994», Edition Lükk Nösens, Berlin 2012.

Bestellen: Per Mail via http://www.edition-luekk-noesens.de/
oder hier: http://www.photoeditionberlin.com/künstler-artists/florian-günther-1/

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Florian Günther, der mir bisher allem voran als Dichter bekannt war, bat mich um einige begleitende Worte für sein Fotobuch. Ich sagte zu. Doch schon bei der ersten Sichtung des Materials schien es mir reizvoller, Günther selbst zu Wort kommen zu lassen, statt eine weitere, mehr oder weniger flotte Abhandlung zur Theorie und Ästhetik der Fotografie zu liefern. Als ich Günther den Vorschlag zu einem Interview unterbreitete, bestand er auf ein paar Tage Bedenkzeit, da er sich bereits mitten in den Vorbereitungen zu diesem Buch befand, erklärte sich dann aber bereit dazu. Das Gespräch fand an drei aufeinanderfolgenden Tagen im Mai 2012 in Berlin statt. Am ersten Tag traf ich Günther in der Budike, seinem Stammlokal in Friedrichshain, einem von Mietskasernen geprägten ehemaligen Arbeiterbezirk, in dem Günther seit seiner Geburt im Jahre 1963 lebt, und der sich mehr und mehr zu einem Szeneviertel mausert. Die Budike hatte eben erst geöffnet. Günther saß bereits an seinem Stammplatz, inmitten anderer sich lautstark unterhaltender Gäste und Albert, dem Wirt, den Günther als einen «begnadeten Erzähler mit beträchtlichem schauspielerischen Talent“ schätzt. Günther selbst trinkt sein Bier und blättert lustlos in einem Manuskript, das man ihm für seinen DreckSack, eine Literaturzeitschrift, die er seit 2010 herausgibt, zugeschickt hat. Vor ihm, an den Tresen geschraubt, befindet sich ein zwei Mal acht Zentimeter großes Messingschild mit seinem eingravierten Namen.

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Marvin Chlada: Wie kommt man denn zu der Ehre? Macht man das nicht nur bei Toten?

Florian Günther: Vielleicht bin ich ja längst tot.

Albert: Na, wie ’ne Leiche hast du jedenfalls schon öfter ausgesehen. – Woher kommst du?

Marvin Chlada: Duisburg. Kann ich ein Bier bekommen?

Albert: Klar. Kommt sofort.

Marvin Chlada: Alle Spiele, sagt Jim Morrison, enthalten den Gedanken des Todes.

Florian Günther: Ist das auf seinem Mist gewachsen?

Marvin Chlada: Keine Ahnung, stammt aus The Lords. Spielt das eine Rolle?

Florian Günther: Nein, aber ich kenne einen anderen Ausspruch von ihm: «Ich trinke, damit ich mit Arschlöchern sprechen kann. Einschließlich meiner selbst.» (lacht)

Marvin Chlada: Auf alle Fälle hat der Morrison kein Geheimnis daraus gemacht, wie schwer es ihm gefallen ist, was auf’s Papier zu bringen. Wie ist das bei dir?

Florian Günther: Nicht viel anders. Man fragt sich immer wieder, warum man sich das antut.

Marvin Chlada: Was, meinst du, ist das schwerste am Schreiben?

Florian Günther: Nie Geld in der Tasche zu haben. Einfach und ausdauernd zu sein. Sich von seinen Gefühlen zu befreien.

Marvin Chlada: Du sagst, nie Geld in der Tasche zu haben. Manche verdienen Millionen.

Florian Günther: Ja, aber sie lernen ja nichts daraus. (lacht)

Marvin Chlada: Wie lange arbeitest du an einem Gedicht?

Florian Günther: Ganz unterschiedlich. Manchmal fünf Minuten, manchmal fünf Jahre …

Marvin Chlada: Fünf Jahre?

Florian Günther: … oder länger. Du hast da so ’ne Zeile, die nirgends reinpaßt. Aber du hängst an ihr und schleppst sie solange mit dir herum, bis du eine Verwendung für sie hast. und gerade diese Stellen sind dann oft die flüssigsten, die scheinbar am leichtesten geschriebenen, obwohl du jahrelang an ihren rumgedoktort hast. – Insofern ist es auch ein zweischneidiges Schwert, wenn mir Leser aus Freude über eines meiner Bücher sagen, sie hätten es in einem Zug durchgelesen. und was heißt das denn im Klartext? Dass sie an keiner Stelle innegehalten haben, um das Gelesene zu überdenken, Für und Wider abzuwägen. Das Buch nicht ein einziges Mal in die Ecke geworfen und verärgert wieder aufgehoben haben. Das braucht aber ein Buch, glaube ich, sonst ist es nichts wert. und was sind denn schon fünf Jahre!

Marvin Chlada: Ist es dir schon mal passiert, dass jemand aus Wut oder Protest deine Lesung verlassen hat?

Florian Günther: Mir sind schon die erstaunlichsten Dinge passiert. Aber meistens aus dem falschen Grund …

Marvin Chlada: Sind deine Texte eher erotisch oder doch mehr pornographisch?

Florian Günther: Eher schweinisch, würde ich sagen, und das nur hier und da. Überhaupt, pornographisch nur in dem Sinne, dass ich mich mit Zuständen befasse, die ich für dermaßen obszön halte, dass sie einen Terminus verlangen, der sich nicht die Schuhe auszieht, bevor er in die gute Stube tritt.

Marvin Chlada: Was bedeutet Alkohol für einen Schriftsteller? Die Liste trinkfester Dichter ist ja bekanntlich lang …

Florian Günther: Dass die Hemmschwelle sinkt und die Geselligkeit gefördert wird. Schreiben ist, wie du weißt, eine einsame Geschichte. Man sondert sich ab, macht sich rar. Aber man kann sich nicht die ganze Zeit einbunkern, sonst erlebt man nichts. Hinzu kommen Selbstbewußtsein, Selbstsicherheit, Verlust der Angst davor, abgewiesen zu werden, wenn man trinkt. Aber das gilt für jeden einigermaßen talentierten Suffke.

Marvin Chlada: Trinkst du, wenn du schreibst?

Florian Günther: Nein. Ich trinke, wenn ich recherchiere. Beim Schreiben muß ich nüchtern sein.

Marvin Chlada: Wie lange dauert so eine «Recherche»?

Florian Günther: Das ist ganz unterschiedlich. Wichtig ist, während der Recherche, nicht zu vergessen, dass man eigentlich schreiben will und nicht umgekehrt. Sonst kann man es irgendwann nicht mehr.

Marvin Chlada: Ich hatte Falk, einem Bekannten aus Düsseldorf, der sich für Deine Sachen interessiert, mal Dein Hörbuch «Schlechte Aussichten» mitgegeben. Nachdem er die CD gehört hatte, schrieb er mir ein paar Zeilen dazu. Er meint, dass sich da zwischen dem ganzen Dreck, den Schlägen und dem Suff immer auch das Glück verstecken würde. Was ist wichtiger, Glück oder Leid?

Florian Günther: Für Glück ist das Fernsehen zuständig und die Schlagerindustrie. Mir reicht es, unglücklich zu sein.

Marvin Chlada: Dann lag der gute Falk also völlig falsch?

Florian Günther: Vielleicht nicht völlig, aber Glück ist einfach nicht das richtige Wort, glaube ich. Was mir aber gefällt, ist die Möglichkeit, dass dein Freund Recht hat und nicht ich, denn das spricht für die Vielschichtigkeit der Texte. Ansonsten gilt der Satz von Jünger: «Wer sich kommentiert, geht unter sein Niveau.»

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Am darauffolgenden Tag waren wir in Mehmets Shisha Bar verabredet. Zwei Vietnamesinnen aus dem Massagesalon gegenüber fütterten die Spielautomaten. Günther sieht ihnen dabei zu. Vor sich einen Wodka.

Florian Günther: Ich konnte wieder nicht schlafen, es ist furchtbar. Ich bin grade mal für ein paar Stunden weggenickt.

Marvin Chlada: Was machst du, wenn du nicht schlafen kannst?

Florian Günther: Rumlaufen. Fernsehen. Alles mögliche. – Wußtest du, dass sich der Mond Jahr für Jahr um 3,2 Zentimeter von der Erde entfernt?

Marvin Chlada: Nein. Woher hast du das?

Florian Günther: Kam heut Nacht im Fernsehen. 

Marvin Chlada: Ich habe mal wo gelesen, dass er sich entfernen soll, aber wie weit genau jährlich, das hätte ich jetzt nicht sagen können.

Florian Günther: Mir war immer so, als seien es sechs Zentimeter. Aber anscheinend hat sich das geändert. Auf nix ist mehr Verlaß.

Marvin Chlada: Man kann ja mal die angegebene Entfernung von der Erde zum Mond im aktuellen Brockhaus vergleichen mit den Angaben im Brockhaus von vor 20 Jahren.

Florian Günther: Selbst der ist uns inzwischen leid … Willst du was trinken?

Marvin Chlada: Erstmal nicht. Wir sollten auch gleich weitermachen.

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Florian Günther: Paßt mir gut. Ich hab heut nicht viel Zeit. Heute Morgen kam ein wichtiger Anruf von jemandem, der mir mein Bettgestell reparieren will. Alles geht zum Teufel. Und nun macht auch noch der Mond schlapp … Meinst du, dass mir was einfällt? Mir fehlen Stunden an Schlaf.

Marvin Chlada: Das wird schon gehen. Aber heute kommst du mir nicht so leicht davon wie gestern.

Florian Günther: Wieso? Was meinst du?

Marvin Chlada: Wir hätten noch weitermachen können, nach deinem Jünger-Zitat.

Florian Günther: Na, für mich war das OK so. und schau mal, was du gestern noch alles für Leute kennengelernt hast. Ich hab Jahre dafür gebraucht, mich an die kleine dicke Ramona ranzusägen, und dich hätte sie am liebsten gleich in ihr Handtäschchen gesteckt.

Marvin Chlada: Aber die war nicht mein Fall.

Florian Günther: Als ob es darauf ankäme … Hast du ’ne Zigarette für mich?

Marvin Chlada: Du rauchst doch gar nicht.

Florian Günther: Ja, stimmt. Ich bin vollkommen von der Rolle …

Marvin Chlada: Weißt du noch, wann du aufgehört hast?

Florian Günther: Mit dem Rauchen? Keine Ahnung. Schätze mal, so vor sechs, sieben Jahren.

Marvin Chlada: Hast du viel geraucht?

Florian Günther: Am Ende waren es drei Schachteln am Tag.

Marvin Chlada: Drei Schachteln? Respekt! Welche Marke war das?

Florian Günther: Karo. Das waren filterlose Zigaretten hier im Osten. Ziemlich stark, aber billig. Guter Stoff, gutes Kraut. Weiß der Teufel, was da alles drin war.

Marvin Chlada: Warum hast du nicht einfach versucht, weniger zu rauchen?

Florian Günther: Das kann ich nicht. Bei mit gibt’s nur hopp oder topp. So’n bißchen, in der Mitte, zur Hälfte, in Maßen geht bei mir nicht. Ich kann auch nicht weniger oder in Maßen trinken oder lieben oder ficken. Entweder gar nicht oder richtig.

Marvin Chlada: Die Tochter von Brautigan, Ianthe, schreibt in ihren Erinnerungen, dass sie literweise Jack Daniel’s in den Ausguß gekippt hat, wenn ihr Vater aus’m Haus war, um ihn so am Trinken zu hindern. Der schnallte das aber nie. Wenn er zurückkam, dann war er meist so blau, dass er dachte, die Flaschen seien leer, weil er sie bereits ausgetrunken hat. Also bestellte er gleich die doppelte Menge an Whiskey wieder nach.

Florian Günther: Ja, das funktioniert so nicht. Die einzigen Male, wo das bei mir geklappt hat, waren, als ich zur Armee kam, von heut’ auf morgen und auf diese Weise ganz brutal entwöhnt zu werden. und das nächste Mal 1994. Ich war am Ende der Fahnenstange angelangt und nicht besonders traurig darüber; endlich ging es vorbei, ich mußte nur so weitermachen. und plötzlich klingelt das Telefon: «Papa …?» Ich hatte Freunde, die schwer auf Drogen und deshalb in Behandlung waren. Einen von denen traf ich, und er erzählte mir von seiner Psychiaterin. Ich ging da hin, und sie sagte: «Ich helfe Ihnen, wenn Sie die nächsten drei Wochen trocken bleiben», – was hart war, denn ich hatte noch einen Fotojob in Marseille für das Basler Magazin. Ich seh’ mich da noch stehen, umgeben von Armut. Die Sonne schien, das Meer glitzerte, aber alles war nur Nacht. und ich sagte mir, wenn du das hier ohne Flachmann schaffst, schaffst du alles. Die Ärztin, ich schulde ihr ewigen Dank, hat mir geholfen, wie du siehst. Sonst wäre ich heute nicht mehr unter den Lebenden. – und sie hätte ein paar Bücher weniger. (lacht)

Marvin Chlada: Gefallen ihr deine Sachen? Kann sie was damit anfangen?

Florian Günther: Ich nehme mal an, sie liest sie als das, was sie sind: Die Ergüsse eines Irren!

Marvin Chlada: Deine Leserschaft wächst stetig.

Florian Günther: Wer sagt das?

Marvin Chlada: Das ist mein Eindruck. Auch werden deine Sachen inzwischen an der Uni im Rahmen literaturwissenschaftlicher Seminare diskutiert, die erste Doktorarbeit ist ebenfalls in Arbeit. Das ist schon eine ganze Menge, wenn man bedenkt, dass du die meisten deiner Bücher in Eigenregie gestaltet, herausgegeben und unter die Leute gebracht hast. Wo würdest du dich in dem ganzen bundesdeutschen Kulturbetrieb verorten wollen? Ist das klassischer Underground?

Florian Günther: Ach du lieber Himmel! Weiß ich nicht. und wenn ich ehrlich bin, ist mir das auch wurscht. Manchmal kommt es mir so vor, als würde sich jeder, der keinen Verleger, keinen Galeristen, keinen Produzenten, keinen Journalisten hat, der ihn hoch tippt, und keine Frau, die ihn über Wasser hält, dem Underground und zuordnen, auch wenn er die spießigste Scheiße produziert, die man sich nur vorstellen kann. und wenn er dann doch aus der Versenkung geholt wird, was ja vorkommt, wenn der Zeitgeist und bestimmte materielle Interessen übereinstimmen, und dieselben Sachen macht wie vorher, heißt es plötzlich, der ehemalige Undergroundkünstler Soundso. Ich kann damit nichts anfangen, denn ich hatte weder mit der einen noch der anderen Richtung jemals viel am Hut, weil mich Menschen interessieren, soweit das meine Arbeit erfordert, und nicht irgendwelche Strömungen. Sieh dir doch den Großteil der ehemaligen mehr oder weniger talentierten DDR-Undergroundkünstler an. Die waren vor 1989 im Westen durchaus erfolgreich, weil sie diesen Widerspruchsgeist und oppositionellen Anstrich mitbrachten. Dann kam die Wende, und sie sind in wenigen Jahren durchgereicht worden. Man brauchte sie nicht mehr, hatte keine Verwendung mehr für sie. Denn jetzt auf einmal richtete sich ja ihr Widerspruchsgeist, so er überhaupt noch oder je vorhanden war, gegen die Kulturpolitik der Bundesrepublik Deutschland. und dafür hatte man sie schließlich nicht heim ins Reich geholt. – Sind die jetzt also wieder Underground? Keine Ahnung. Bist du Underground?

Marvin Chlada: Inzwischen wohl eher Background, Florian. Denke, das ist der beste Ort, um jemanden in den Arsch zu treten. Doch mal ganz subjektiv: Wie unterschied sich der Literaturbetrieb in der DDR von dem in der BRD? Welche Erfahrungen hast du da gemacht?

Florian Günther: Gar keine.

Marvin Chlada: Weil dir das Horden-Gen fehlt, wie du mal geschrieben hast?

Florian Günther: Möglicherweise. Aber ich weiß wirklich nichts dazu zu sagen. Ich war nie Teil irgendeines Literaturbetriebs.

Marvin Chlada: Gewalt und Kriminalität spielen in deinen Gedichten eine herausragende Rolle. Morde, Schlägereien, Jugendkriminalität … Auch von Nutten und ihren Zuhältern ist häufig die Rede. Warst du oft im Bordell?

Florian Günther: Ja, sehr oft.

Marvin Chlada: Als Freier? Oder auch aus anderen Gründen?

Florian Günther: Nein, nur als Freier. Aber das ging erst nach der Wende richtig los, als ich begann, mich umzusehen in Westberlin. All die Lichter. Die Gerüche. Frauen soviel du wolltest, und alles für ein paar lächerliche Scheinchen! Es war wie reisen ohne wegzumüssen …

Marvin Chlada: Gab es in der DDR keine Freudenhäuser?

Florian Günther: Nicht dass ich wüßte. Aber es gab natürlich Frauen, die sich diesem Berufszweig nicht gänzlich verschlossen. Ein Freund von mir, ein Musiker, der eine einigermaßen vorzeigbare Wohnung hier ganz in der Nähe und natürlich mit Telefonanschluß hatte, hat gutes Geld damit verdient, sie an zwei Damen des Gewerbes stundenweise zu vermieten, wann immer Bedarf bestand. Ich seh’ ihn noch vor mir, wie er mit dem Staubsauger rumrennt, und dabei seine Pan-Plastiken umkurvt. «In einer Stunde müssen wir verschwunden sein, dann kommen die Mädels!» Der ist nie arbeiten gegangen, obwohl er nicht nur drei Kinder hatte, sondern auch viel Geld in Tonstudios verbrannte, denn sein Talent war eher durchschnittlich.

Marvin Chlada: Kanntest du selbst auch Huren?

Florian Günther: Ich war mal kurzzeitig mit einer zusammen, die, wenn sie es auch nicht mochte, das man sie zu drängend darauf ansprach, mehrmals in der Woche in der Lounge vom Hotel Metropol an der Friedrichstraße herumhing,wo viele Westdeutsche abstiegen. Aber was ich mich immer gefragt habe, war, warum man sie gewähren ließ. Denn es war offensichtlich, was sie da tat, auf wen sie wartete und mit wem sie im Fahrstuhl verschwand.

Marvin Chlada: Sie kooperierte mit der Stasi …

Florian Günther: Nehme ich jedenfalls an. Muß aber nicht sein, vielleicht bestach sie auch nur das Personal. Aber wie gesagt, sie sprach nicht gern darüber, und warum sollte sie auch? Mir war das vollkommen schnuppe, solange sie mich nicht darben ließ.

Marvin Chlada: Möglicherweise eine Stasi-Nutte …

Florian Günther: Nein, nein, nein! Also wirklich! Was heißt denn Stasi-Nutte? Ihr Westdeutschen seid immer so schnell mit euren selbstgerechten Etiketten zur Hand! Das war ’ne junge, aufgeweckte, höchst attraktive Frau, die sich gesagt hat, warum soll ich mich mit den doofen Aluchips abgeben, wenn ich auch die Westmark haben kann? Völlig apolitisch. Aber dass sie die Ohren aufhielt, war ziemlich sicher die Voraussetzung dafür, dass man sie gewähren ließ. Jedenfalls kann ich mir das anders nicht erklären. und was schadet es auch, den einen oder anderen schmerbäuchigen Vertreter für Unterlegscheiben anzuzapfen, der seine übellaunige Olle im Ruhrpott betrügt.

Marvin Chlada: Womit wir beim DreckSack angelangt wären, der Literaturzeitschrift, die du herausgibst. Wie kam es eigentlich dazu? Hast du da nach einer Gelegenheit gesucht, deine Fotos bekannter zu machen?

Florian Günther: Das war ein angenehmer Nebeneffekt. Ein anderer, nicht weniger wichtiger Punkt ist, dass ich, ein relativ fauler Mensch, zum Beispiel im Vergleich zu dir, mit in vielerlei Hinsicht interessanten Menschen kommunizieren und zu tun haben kann, ohne vor die Tür zu müssen. Darüber hinaus fand ich schon immer, dass zu viele gute Autoren zu wenig Beachtung finden und zu viele schlechte zuviel. Mich selbst natürlich eingeschlossen. (lacht)

Marvin Chlada: Wie ist der DreckSack zu seinem Namen gekommen?

Florian Günther: Weiß ich nicht mehr. Vielleicht wäre Müllsack sogar treffender gewesen. Denn das ist es, was ich meine: ein Sack voll Dreck, Müll, Abfall, der woanders weggeworfen wird. Man könnte auch sagen, eine Art «Bad Bank der Literatur», um mal einen aktuellen Begriff zu verwenden. Das interessiert mich. Das ist es, wonach ich suche. Das ist der Kern des Blattes. Ein Container, in dem du das finden kannst, was verborgen bleiben soll. Denn es wäre ja schlimm, wenn die Leute plötzlich anfingen nachzudenken. Natürlich glauben auch manche, der Drecksack, von dem da die Rede ist, sei ich selbst. Das ist natürlich Quatsch. Aber wenn es hilft, das Blatt zu verkaufen und unter die Leute zu bringen, soll mir das Recht sein. Mir ist der Untertitel wichtig: Lesbare Zeitschrift für Literatur. Denn das hält mir die Autoren vom Leibe, die ich eh nicht dabei haben will.

Marvin Chlada: Wer soll das sein?

Florian Günther: Beispielsweise Autoren, die sich an Preisausschreiben nicht nur beteiligen, sondern sie auch noch gewinnen.

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Letzter Tag. Günther empfängt mich in seiner Mansardenwohnung, zwei Zimmer, 48 Quadratmeter, wie er mir sagt und was zu stimmen scheint. Die Wohnung wirkt überraschend aufgeräumt, die Einrichtung ist schlicht und funktionell: ein paar Regale, Couch, Schreibtisch und Stuhl.

Marvin Chlada: So wohnst du also.

Florian Günther: Ja, so wohne ich. Willst du ein Wasser oder so was?

Marvin Chlada: Erstmal nicht. Darf ich rauchen?

Florian Günther: Klar, nur zu. Nimm dir den Aschenbecher da …

Marvin Chlada: Was hältst du von Fauser, wie siehst du ihn?

Florian Günther: Gefällt mir nicht mehr. Zu verbiestert. Gibt es auch nur ein einziges Foto von dem, wo er mal lächelt? Das erste, was ich von ihm schon zu DDR-Zeiten las, waren seine Gedichte, und ein Großteil davon gefällt mir noch heute. Wirklich stark sind seine Essays und Kolumnen. Da gibt es wahre Schätze. Aber seine Romane sagen mir nichts. Auch Rohstoff nicht. Das ist mir alles viel zu exotisch.

Marvin Chlada: Ich erinnere mich genau, 1987 war das, da habe ich den Band Die Pille gegen das Grubenunglück von Spring Hill von Richard Brautigan gelesen. Für mich eine Offenbarung, eine – wenn man so will – prägende Erfahrung. Kennst du sowas auch? Welche Autoren schätzt du besonders? Gibt es literarische Vorbilder, die du einst hattest oder vielleicht noch immer hast?

Florian Günther: Ja. Tschechow, Céline und Bukowski. und da die eh nicht mehr einzuholen sind, belasse ich es dabei, ein bißchen vor mich hin zu bosseln. Aber wollten wir heute nicht über die Fotos sprechen?

Marvin Chlada: Ja, ja. Da kommen wir schon noch hin …

Florian Günther: Scheiße, Marvin, wir machen hier ein Fotobuch!

Marvin Chlada: Aber das gehört für mich zusammen, deine Gedichte und deine Fotografien! Also noch mal gefragt: Gibt es ein bestimmtes Buch, das dich in besonderer Weise geprägt oder eine Zeit lang begleitet hat?

Florian Günther: Wichtig war On the Road von Kerouac. und wenn ich nur den Namen ausspreche, muß ich schon an einen engen Freund denken, der vor über dreißig Jahren gestorben ist, weil ihm die Polizei im Nacken saß. Aber das tut jetzt nichts zur Sache. Damals war On the Road, das ich heute nicht mehr lesen könnte, ein Gottesgeschenk nicht nur für mich, sondern auch für sehr viele andere in der DDR, und allein die Tatsache, dass es überhaut erscheinen durfte, Anfang der 80er, zeigt den Erosionszustand der Landes und seiner «Organe» schon zu dieser Zeit. Für mich war es ein winziges Stück der Welt, die sich jenseits der Mauer befand, wie übrigens auch die Musik der Stones und vieler anderer. Ein Fenster, das schlagartig Licht hereinließ, und die Sonne waren ein Traum und eine Hoffnung. und dass Jahre später Leute auf die Straße gingen, die On the Road vielleicht gar nicht gelesen hatten, heißt nicht, dass sie davon nicht trotzdem profitierten. Es war ein weiterer fauler Zahn in einem heruntergekommenen Gebiß, und sie haben ihn herausgezogen und uns jungen Leuten in die Hand gedrückt. Ich bin mir sicher, dass ich erst durch dieses Buch anfing, nach Möglichkeiten zu suchen, mir auch den übrigen Teil der Welt zu erschließen.

Marvin Chlada: Kommen wir jetzt mal zu deinen Fotografien.

Florian Günther: Na endlich!

Marvin Chlada: Hast du die selbst gemacht? In einem eigenen Labor, mit all den Wannen und Chemikalien und so?

Florian Günther: Sicher. Ich hab’ alles selbst gemacht, auch das Entwickeln der Filme. Das war damals nichts Besonderes, aber immer eine große Materialschlacht, weil ich da sehr pingelig war. Fotomaterialien waren in der DDR nicht billig, aber doch halbwegs bezahlbar. Da ging das noch. Nach der Wende war dann Schluß damit. Alles wurde viel zu teuer, so dass ich nur noch Aufträge annehmen konnte, bei denen die Vergrößerung der Bilder nicht mehr meine Sache war.

Marvin Chlada: Was waren das für Aufträge?

Florian Günther: Titel für kleinere Zeitschriften und Magazine, die es heute gar nicht mehr gibt, wie das Neue Leben. Oder Montagen zu einem bestimmten Thema. Für das Basler Magazin war ich mehrmals in Frankreich und anderen Ecken Europas. Aber das war Pressefotografie, davon ist hier kaum etwas im Buch, das ist Alltag, Leute bei Versammlungen, was weiß ich. Die Fotos hier sind oft nebenher entstanden, die hatten nichts mit dem eigentlichen Job zu tun. und das gilt auch für die Brasilienfotos im letzten Abschnitt. Meine eigentliche Aufgabe war, 3D-Dias von Umweltprojekten in Brasilien zu machen, mit denen meine Auftraggeber dann hier durch die Hallen und Universitäten ziehen wollten. Das Interesse damals war enorm, wie ich in München erfahren konnte, wo 2000 Leute einen ganz normalen Diavortrag über Costa Rica ansahen. Ich bin damals zwischen dreißig und vierzig Mal geflogen, allein in Brasilien, weil das Land so unglaublich groß ist. Aber die Fotos hier im Buch habe ich nebenher gemacht. Erstmal nur für mich. Mit meiner kleinen Nikon und einem 35er Objektiv, denn ich wollte mich zwingen, nahe an die Leute heranzugehen, den persönlichen Kontakt zu suchen. Mich nicht, mit einem Teleobjektiv bewaffnet, hinterm Busch zu verstecken. Meine Angst zu überwinden.

Marvin Chlada: Sowohl deine Aktfotografien, soweit ich sie kenne, als auch sämtliche anderen Fotos von dir sind in Schwarz-Weiß gehalten? Warum nie in Farbe?

Florian Günther: Weil Farbe «geschwätzig ist», wie Kapuściński sagt. Das kann man gar nicht besser ausdrücken.

Marvin Chlada: Farbbilder, die nicht geschwätzig sind, gibt es keine?

Florian Günther: Doch. Aber mir gefällt das Zitat. und da es von Kapuściński ist, hoffe ich, dass er sich darüber Gedanken gemacht hat. (lacht)

Marvin Chlada: Kerouac hat ja ein Vorwort zu The Americans von Robert Frank verfaßt. Kennst du den Band?

Florian Günther: Klar …

Marvin Chlada: Aber er selbst hat, glaube ich, nicht fotografiert.

Florian Günther: Glaub nicht, nein.

Marvin Chlada: Aber Ginsberg und Salzinger fallen mir da ein. und natürlich Ira Cohen. Kennst du deren Bilder?

Florian Günther: Ira Cohen ist nicht so mein Ding, obwohl ich weiß, dass hier einige – du ja auch – ein ungeheures Getue um ihn machen. Aber ich kenne die Fotos von Ginsberg, Bowles und ein paar anderen, was nicht verwunderlich ist. Es gibt ja sogar Schauspieler, die fotografieren.

Marvin Chlada: und nicht zu vergessen, die Musiker.

Florian Günther: Zum Beispiel?

Marvin Chlada: Nikki Sixx zum Beispiel. Der hat ’nen Fotoband herausgebracht. Quasi als Fortsetzung seiner Heroin Diaries.

Florian Günther: Muß ich schon wieder passen. Aber im Gegensatz zu dir hab ich auch nie sehr viel mit Musikern zu tun gehabt.

Marvin Chlada: Aber du warst mal Sänger in einer Punkband.

Florian Günther: Ja, aber das hatte nichts mit Musik zu tun. (lacht)

Marvin Chlada: und es gibt ein Gedicht von dir über Nikki Sudden.

Florian Günther: Ja, wir sind ein paar Mal zusammen aufgetreten. Es ist ein Jammer, dass er tot ist. Ich mochte ihn. Es ist immer dasselbe mit dieser verdammten Drogenscheiße.

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