Jürgen Ploog: Schnöder Stoff

Es gibt Bücher wie U-Boote, die nicht gemacht sind, an der Oberfläche herumzuschippern. Die Oberfläche, das ist nicht nur «der Markt», das sind vor allem die Strömungen des öffentlichen Geschmacks, der Mainstream. Dazu gehört der vorliegende Band, Wolf Pehlkes Curry 99.

Ein «Büchlein» steht auf dem in unscheinbarem Grau gehaltenem Umschlag. Leicht zu übersehen & ohne sich auf gängige literarische Kategorien festzulegen. Gedichte? Nein. Notate, Skizzen? Kaum. Ein Tagebuch? Keinesfalls. Was dann?

Genau an diesem Punkt beginnt das Abenteuer des Lesens, dort, wo ein Text seine eigene Form entwickelt. Was bedeutet schon die Frage, ob es der Leser mit Prosa oder Lyrik zu tun hat? Anhand anderer Texte von Pehlke lässt sich sagen, dass er Prosa bevorzugt & eine Sprache, die wie ein Fluss vorbeizieht. Prosa heute heisst nicht, diesen Fluss zu beschwören, seinen Eigenheiten nachzugeben, seine Macken auszuloten, sondern Teil des Flusses zu werden wie ein Fisch & sich in seine toten Arme verirren & seine Stromschnellen überwinden. Vor allem: Gegen den Strom zu schwimmen, um ihn als Element zu erkunden.

Wer derart vorgeht, kann sich verwegene Fragen leisten wie: «Von wem hat der homo sapiens da eigentlich geklaut das Lesen & Schreiben?» Vielleicht kommt Pehlke auf solche Fragen, weil er eigentlich Maler ist. So habe ich ihn kennengelernt & auch, weil er sich für Burroughs interessierte. Was nichts sagen muss, denn viele interessieren sich für Burroughs, vor allem für den Mann Burroughs, um ihm einmal die Hand zu schütteln. Pehlke begnügt sich mit der Frage: «Schau mal, wer hat da auf Papas Nase gepinkelt?»
Ich vermute, dass Pehlke schon immer geschrieben hat, & zwar aus der Notwendigkeit heraus, sich mit der Umwelt auseinanderzusetzen. Ein Maler setzt sich mit der Leinwand auseinander, der Schreiber schlägt sich mit dem conundrum Welt herum, mit dem schnöden Stoff, aus dem sie besteht, was einem nur die Wahl lässt, zu «Verrecken oder (zu) Verblöden». Das sind bittere Pillen, mit deren Wirkung der Schreiber umgeht, indem er sich auf Worthorden & -tiraden stürzt, die er gegen Sinn & Unsinn ins Feld schickt. Nicht als Beobachter ist er unterwegs, sondern als Sammler, der mit dem Ramsch, der ihn umgibt, aberwitzige sprachliche Szenarien entwirft. «Bist du wie ich oder gefalle ich dir?» ist wieder so eine Frage, die das Narzisstische an Beziehungen aufspiesst. Auch Nichtssagen will verstanden werden, wenn es um kommunikative Verstrickung geht.

Zwischendurch autobiografische Skizzen, die auf viele zutreffen & nur versteht, wer den Autor kennt. Aber man muss ihn nicht kennen, um zu erfahren, dass er eigentlich keine Rolle spielt. Die Rolle des Schriftstellers, von der viele träumen wie Starlets in Hollywood, ist ausgespielt. «Schmeißt sie alle raus aus der Dekoration!» So geht der sprachliche Ringelpietz weiter in alle Richtungen, von Seite zu Seite.

Vielleicht bin ich ein schlechter Leser, aber selten gerate ich an ein Buch, in dem mir nichts aufstösst wie in diesem Fall bei Pehlke. Satz für Satz blüht Hintergründiges bei ihm auf: «Das falsche Lächeln einer Frau das Einzige, was in unserer Erinnerung besteht.» Da wird nichts festgestellt, da wird geschürft & werden Einzelfälle poliert. Lakonie des Augenblicks, ob es nun um Massenerschiessungen in Moskau, Erektionen im Flugzeug oder Kontaktanzeigen geht. Die Quantenmechanik der Sprache funktioniert bei Pehlke, auch wenn niemand so recht versteht, wie. Das ist bei der physikalischen Verschränkung von Partikeln nicht anders. Um das Universum zu begreifen, genügt es, im pataphysischen Sinn mit Worten zu jonglieren. Sie im richtigen Augenblick erwischen, das ist die Kunst. «Die Realität ist schließlich kein Job für Anfänger.»

Pataphysik gilt als Wissenschaft der imaginären Lösungen. Was dabei aufgelöst wird, ist vor allem das zum Fetisch erstarrte Bild der Realität, dem Pehlke mit singulären Metaphern zu Leibe rückt. «Darwinisten im freien Flug über zerschnittenen Buchtiteln.» Zeile für Zeile wird hier in die semantische Mottenkiste gegriffen, & was auftaucht, zeigt, wie sich der Zauber des Zufalls entfaltet. Wahllos & unbeirrt, Missgriffe eingeschlossen (wie die wohl kaum bewusste Falschschreibung von Pogrom).

Also einer, der durch & mit der Sprache spricht & dem Leser dabei die ganze Palette eines Bewusstseins auftischt, das durch Zeit & Raum wandert. Durch Europa, durch Deutschland, durch Karlsruhe oder auch nur durchs gemütliche Wohnzimmer, «wo es jetzt so eng war wie im Arsch einer Katze».

Wolf Pehlke
Curry 99
Moloko Print
92 Seiten

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Jürgen Ploog veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s