Pablo Haller: Honolulu-Joe heuert an

für Carl Weissner

«Bei der Kälte müssen die Totengräber die Gruben mit Presslufthämmer ausheben.»
«Das hätt dem Carl bestimmt gefallen.»
«Hätt der nicht im Sommer sterben können? Jetzt werden wir uns an seinem Grab bloss den Arsch abfrieren.»
«Warum hat sich sein Sohn nicht bei mir gemeldet? Er wusste ja, dass wir befreundet waren. Warum kam keine Rundmail? Das ist absolut unprofessionell, das werd ich ihm morgen sagen!»
«Du kannst doch nicht …»
«Und wenns am offenen Grab ist. Man muss diesen Leuten sagen, dass sie Scheisse bauen. Sonst gehen sie weiterhin wie Kühe durchs Leben.»
«Wenn du die Schaufel mit der Erde in der Hand hast & ihn siehst, kannste ja gemütlich zu ihm hinschlendern, dich beschweren & dann zurück – ach, entschuldigen Sie – die Erde draufwerfen.»
«Es ist so kalt, da wird keine Erde zum Draufwerfen sein.»
«Doch, die sind sie bereits jetzt am anwärmen. Mit so Tonnenöfen. Pennerfeuern.»
«Haben wir es eigentlich mit einer Leiche oder mit Asche zu tun?»
«Weiss nicht, wird er verbrannt?»
«Dann hätte wenigstens einer warm.“
«Hoffentlich spricht kein Pfarrer.»
«Hoffentlich ist’s in der Kirche & hoffentlich ist die geheizt.»
«Es wird in der städtischen Leichenhalle sein. Die ist nicht geheizt. Hoffentlich labert keiner lang rum.»
«Kommt die Bukowski-Witwe?»
«Vielleicht seine Tochter?»
«Bukowski hatte ne Tochter? Von Linda?»
«Von wem auch immer …»
«Jan Herman kommt auf jeden Fall. Ich weiss nicht. Ob wohl viele Leute da sein werden?»
«Carl hat ja diesen unglaublichen Text über die Bukowski-Beerdigung geschrieben. Du könntest ja so einen über seine machen.»
Nicken.
Nicht erstaunt.
«Du reagierst gar nicht, du hattest das sicher schon im Hinterkopf …»
«Ist ja naheliegend …»

Seltsamer Traum, denkt sich Honolulu Joe, in seiner letzten Erinnerung war er bei sich zu Hause in Mannheim auf dem Weg ins Bad. Er wollte Wasser trinken. Ist ausgetrocknet erwacht, der Hals noch immer entzündet. Als ihm just darauf dieser ranzige Geruch in die Nase haut ist ihm klar, dass irgendwas nicht stimmen kann: Man riecht nicht in Träumen. Joe erkennt den Ort sofort. Der alte Hafen von Marseille. Es fröstelt ihn, er trägt ein dickes Gilet, darüber ein schwarzes Jackett & einen weissen Schal. Schwarze Hosen & ausgetragene schwarze Schuhe. In der Brusttasche findet er zwei 200 Franc-Scheine und ein knittriger Zettel mit einer handgeschriebenen Adresse. Sonst nichts. Kein Ausweis, keine Bankkarte. Die Leute, die Schiffe, auch die Häuser sehen aus wie in einem Historienfilm & dieser Gestank!

L’hôpital de la Conception, 147 Boulevard Baillé, steht auf dem Zettel. Dazu Gekritzel, das eine Karte sein könnte. J’irai sous la terre, me dit-il, et toi tu marcheras dans le soleil, steht am unteren Rand. Rimb. Er trinkt sein Bier in einem Zug aus & fragt den rotgesichtigen Weissweintrinker neben ihm am Tresen, was denn für ein Jahr sei. Der schaut Joe verständnislos an. «T’est foux?» & murrt «1891».

Ich werde eines Mordes beschuldigt. Die Bullen riefen auf mein Handy an. Die drei Beweise: Ich kannte das Opfer, es hatte eine Visitenkarte von mir in der Wohnung & ich habe nach dessen Tod eine fröhliche Kritik geschrieben. (Dabei schrieb ein Kollege die Kritik & der Anlass hatte nicht mal mit Tod zu tun.) Ich mach das Handy ab & schieb es nem anderen in die Tasche. Sollen die mich mal orten. Dann noch eine Leiche, die mit halb abgetrenntem Kopf zu sprechen beginnt.

Die Dusche im Zimmer nebenan prustet los & ich steh im Bett, dann Russinnen, die auf dem Gang palavern. Fahre den Mac hoch, Depeschen aus Luzern. Man ist heute nie mehr weg. Omnipotent, irgendwie. Die Decke ist zu kurz, meine Füsse kalt. Ich ziehe den Vorhang. Blau & Sonne. Rauch steigt auf.

An der Langstrasse ist einer Amok gefahren. Halb sechs Uhr morgens, da sind sie eh alle kirre. Ein weisses Zelt schirmt die Leiche ab. Vier weitere Personen sind verletzt. Ein Streit sei voraus gegangen, bei dem der Amokteur seiner Freundin, die ihn verlassen wollte, mit einer Whiskyflasche nen Scheitel zog. (Später hiess es, es sei ne Eisenstange gewesen.) Der Tote wollte draussen eine rauchen & wurde zwischen Autohaube & Einbahnstrassenschild zerquetscht. Ein weiteres Opfer, das dem Rauchverbot anheimfiel.

Gehe die paar Strassen zu Jürgens Wohnung am Westend, wo er bereits mit seinem schwarzen Mercedes wartet, zu Fuss. Ein Antiquar, der früher nen Verlag hatte, fährt mit uns. Er erzählt von nem Kunden, nem Künstler, der nie was kauft, sondern immer bloss reden will. Über dies & das & dann noch seine rassistischen & sexistischen Sprüche los werden. Er hat ne totale Fixierung auf die grossen Brüste der Tochter des Antiquars. Kommt in den Laden & fragt: «Na wie geht’s dem Bomber heute?»

Carl ist nicht aufgebahrt. Eine Urne zwischen Blumen. Davor wenige Kränze, einer räumt die vergeblich hingestellten Halter weg. Ein grosses Herz. Weisse Rosen, mit roten C A R L rein geschrieben. Wir wetten von wems kommt. Der Antiquar sagt Grosstochter, Jürgen Liebhaberin, ich Linda Bukowski. Die Amis haben n Faible für so Zeug.

Der Priester hat sich mit Carl beschäftigt, redet sich heiss. Carl, der Typ, der dem Herrgott den Stinkefinger zeigte, wenn schon Babel, dann auch richtig & begann, die Sprache zu zertrümmern.

«Jetzt tauchen die geheimen Freundinnen auf. Die Liebhaberinnen unter schwarzen Schleiern, die rote Rosen auf das Grab legen.»
«Besser rote als schwarze. Es gibt ja diese Story, das war irgendwo hier in der Nähe: Eine Zeugin wird erschossen, bevor sie aussagen kann. Jemand legt ihr in der Nacht nach der Beerdigung eine schwarze Rose aufs Grab. Die Polizei sucht nun verzweifelt nach dieser Person. Schwarze Rosen symbolisieren meist Eifersucht, Rache und kalten Hass.»
«Da könnt der Ellroy was draus machen.»
«Das war die ‹Schwarze Dahlie›»
«Was mich einfach nervt an diesen neuen Kriminalfilmen: Es wird bloss noch die Polizeiarbeit gezeigt. Die Cops sind langweilig, farblos. Mich interessieren die Gangster. Was machen die?»
«Der klassische Krimi zeigt das weniger, aber HBO-Serien wie ‹Sopranos› & ‹The Wire›.»

Am Grab. Selten schien die Sonne so kalt. Der Pfarrer spricht noch was, betet ein Vaterunser. Auf Facebook kommentierte einer: «Seiner Asche Frieden zu wünschen wäre ihm einer Beleidigung gleich gekommen.»

Wolken vor dem Mund. Eine Anglistin versenkt ein Brieflein im Erdloch. Jemand verteilt Rosen zum Niederlegen. Shit, wir hätten doch Blumen kaufen sollen. Die Anglistin fährt mit uns zum Kulturclub unter Carls Wohnung.
«Your relationship with Carl was intimate?»
«Yes it was very intimate»
… & der schwarze Mercedes versinkt im Untergrund.

«Hast du gesehen», fragte Jürgen später, «wie sie noch gewartet hat, um ihr Briefchen, das sie letzte Nacht wahrscheinlich tränenaufgelöst geschrieben hat, zu versenken? So sind die Frauen. Wie in dem Buch, von dem ich dir erzählte.‹Dunkler Frühling› von Unica Zürn. Sie verliebt sich, kriegt ihn nicht, stürzt sich aus dem Fenster. Das ist dann Leidenschaft für sie.»

Cody mit Cowboyhut, Whisky trinkend. Vanessa mit Tränenschleier. Käsmayer relaxed. Engstler spricht mich an & ich bin langsam angesoffen. Angesoffen & wütend. Warum Carl? Warum jetzt? Zwischen Bett & Bad, wie er gelebt hat. Hadayatullah starb im Arbeitszimmer. Ich gehe raus & schnorr mir ne Zigarette. Lieber wütend als traurig, obschon beides gleichauf wiegt auf der Waage des Stumpfsinns. Carl, return. Please! Bin mal um die Ecke, Zigaretten holen.

Back on the Road again. Mannheim – Frankfurt. Den Amisender aufgedreht, ne Nachrichtensendung über die Vorwahlen der Republikaner. Haben die echt bloss diese Schiessbudenfiguren gefunden? Dann Kiss «I wanna rock n roll all night & party everyday …» Darmstadt. 200 Sachen. Die Sonne verglüht über Sträucher und Bäumen.

Das Zugrestaurant ist wie ne überfüllte Kneipe. Bloss kann man hier nicht nach draussen rauchen gehen & die Menschen sind hässlicher. «DMD KIU LIDT» von Ja, Panik. «Bis zum Rand voll mit Strategien rennst du als Fremder durch die Welt & dass du nichts dagegen tust, ist eine dieser Strategien. Du stammelst was von Pazifismus und lässt dich ficken für ein Handgeld & du hast nicht einmal geschrien … du siehst, im Grossen und Ganzen ist alles beim Alten …» Im «Spiegel» ein Bild von Angelina Jolies dünnen Armen, schöne Adern.

20min, das ich in meiner Tasche finde – Schlagzeile: «Ciao Disney! – Ich mach jetzt Pornos»: Cassie Nelson hat früher beim keimfreien Teenie-Hit «High School Musical» mitgemacht. Jetzt hat sie umgesattelt – auf Porno-Starlet & Marihuana-Botschafterin. Wow. Wow. Wow – die Mädels schaffen es in die Tagespresse. Erst vor Kurzem war ein Bericht über Sasha Greys «Neü Sex» in der «Welt». Bei ihrer Ausstellung in Frankfurt im September 2011 hielt die Throbbing-Gristle-Legende Cosey Fanni Tutti die Eröffnungsrede. «Das Interessante an Grey ist», entnahm ich erst kürzlich einer Kulturzeitschrift, «dass sie eine durch und durch houellebecqsche, fast noch mehr faldbakkensche Figur, inkarnierte Literatur ist. Als sie mit ‹sweet eighteen› ins Porno-Business einstieg, veröffentlichte sie vorab ein ‹Mission Statement›, wo sie ihren Körper zur Ware deklariert, die die Fantasien der Konsumenten bedienen will.» Greys Performances trieben die amerikanische Ausgabe des «Rolling-Stone»-Magazins zu folgendem Erguss: «In Ekstase ist sie die leibhaftige Vision einer Schreckensgöttin, die sich in der Wonne ihrer eigenen Energien aalt – eine Kali, halb Frau, halb Maschine, deren Wille darauf zielt, unsere harmlosen, zaghaften Sexpraktiken der Zerstörung anheimfallen zu lassen.»

It’s the same old SOS … Das Mädchen vis à vis redet von Trauma, fährt sich fahrig durchs Haar, der Lokführer macht ne Durchsage, sie nimmt den Mantel, macht sich parat. Kurz darauf gehen im Gang vorn die Türen auf & die Kälte streicht mir um die Beine, wie ne liebesbedürftige Katze. Ne andere bestellt n Bier & n Sandwich & verschwindet wieder. Ginger & Beine bis zum Hals. Schwarze Strümpfe, ausgefranste Jeans-Hot-Pants. Nach drei grossen Weizenbieren bin ich gut beieinander & hab auch bereits ein Opfer zum Volllabern gefunden. Einen dicklichen Geschäftsmann, der mich wegen einer Auskunft ansprach. «Was machten Sie in Frankfurt & Sie? Ja und so & bla & sonst?»

Als Kim Jong Il in Nordkorea den Löffel abgab, folgten allerhand Naturphänomene. Nach Carls Tod ging auf der Sonne der heftigste Sturm seit Jahrzehnten ab, der Natel & sonstige Funknetze ausknockte.

Turn off die Lichter, the Musik ist vorbei, kein Vorhang fällt, ein Vorhängeschloss bröselt. Bleilider, Projektionsflächen für Träume, Scratchen mit dem Montagepunkt. Die Welt geht erst ende 2012 unter, bis dahin können wir noch manches Fass aufmachen, schrieb mir Carl am 2. Januar & welches der manchen Fässer will be the last one, wann geht wer verloren & how long bevor the next one? Ein Zug donnert durch Dunkel & Scheinwerfer, ein Mädchen mit zartweisser Haut kassiert ein. Jede Nacht hat ihren Preis, es schneit symmetrische Linien, Staubstrassen. Trockene Blätter von der Front. Die Kampfhandlungen wurden eingestellt. Spring comes knocking. Wer will noch, überhaupt? Unsere Existenz schiesst durch Kreise der Kurzschlüsse. Kein Beginn, an den wir uns erinnern, kein Ende, das vorstellbar ist. Bis der Strom ausfällt. «Tod», schreibt Lou Reed, «ist Schlaf minus Elektrizität».

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