Der Soundtrack des Hier & Jetzt – Marvin Chlada im Gespräch mit Jürgen Ploog

Marvin Chlada: Herr Ploog, ich möchte Ihnen gleich zu Anfang eine Frage stellen, die Sie einmal William S. Burroughs am Ende eines Gesprächs gestellt haben & die Burroughs nicht beantworten konnte: Welchen Tipp, welchen Rat können Sie einem jungen Autor heute mit auf den Weg geben?

Jürgen Ploog: Burroughs hat damals ja geantwortet: Kaufen Sie sich eine Schreibmaschine. Beinah ein Zen-Ratschlag, finde ich, denn Schreiben lernt man nur durch schreiben.

Mir scheint wichtig, dass sich jeder Autor zunächst klar darüber wird, unter welchen Bedingungen er antritt. Will er im kulturellen Mainstream mitschwimmen, dann genügt es, Geschichten zu fabrizieren, die ihm einfallen & die aus bekannten Gründen (gut formuliert, interessant ausgearbeitet) Anerkennung finden. Überlegt sich nicht jeder Musiker & jeder Maler, in welchem Umfeld er operiert & mit welchem ästhetischen Material er umgeht? Die Wahl der Mittel ist immer entscheidend, wenn es darum geht, etwas zu produzieren, das möglichst genau dem entspricht, was man sagen will.

Das Medium des Schreibens ist natürlich die Sprache, & jeder, der glaubt, er könne lesen & schreiben, geht davon aus, dass er auch Schreiben kann. Hier liegt ein grundlegender Irrtum, denn der Mensch hat die Sprache längst derart verinnerlicht, dass er nur schwer feststellen kann, ob tatsächlich er selbst spricht oder nur ein Sprachrohr für eine Sprache ist, die ihm vorher eingetrichtert wurde. Um Abstand zu diesem verdeckten Automatismus zu gewinnen, kommt es darauf an, einen Dekonditionierungsmechanismus zwischen sich & der Sprache zu installieren. Ein solcher Mechanismus ist Cut-up, das Schnittverfahren, das hilfreich sein kann, den Viruscharakter des Wortes bloß zu stellen. Das Wort sehen & betrachten, es zum Material machen wie der Maler Form oder Farbe behandelt, bis sie möglichst deckungsgleich seiner Vorstellung entsprechen.

Marvin Chlada: In FACTS OF FICTION setzen Sie sich u. a. am Beispiel von Burroughs, Joseph Conrad & Rolf Dieter Brinkmann mit der Technik des Schreibens & der Zukunft der Literatur auseinander. Drei Sätze gibt es bei Brinkmann, die mich bis heute begleiten, die einfach hängen geblieben sind (es gibt sicher «wichtigere», aber diese fallen mir immer zuerst ein). Erstens: «Alles ist Science Fiction.» Zweitens: «Es ist in der Tat nicht einzusehen, warum nicht ein Gedanke die Attraktivität von Titten einer 19jährigen haben sollte.» Drittens: «Der Widerstand beginnt mit der Fähigkeit zur Stille.» Inzwischen haben diese drei Sätze um die dreißig Jahre auf dem Buckel. Denken Sie, dass solche (programmatischen) Sätze heute überholt sind?

Jürgen Ploog: Ich halte sie immer noch für gültig. Science Fiction ist der Einbruch der Zukunft in das Konstrukt der Gegenwart. Man muss sehen, dass die Gegenwart von heute gestern noch weitgehend unbekannt war. Wo beginnt also die Zukunft, wo endet Gegenwart?  Das sind imaginäre Grenzen, die mit der Erweiterung des linearen Zeitbegriffs zusammenbrechen. Es gibt sie nicht … Der Science- Fiction-Effekt deutet auch an, dass es einzig das Zukünftige ist, das noch zur Gestaltung & zur Einflussnahme offen ist. Die konventionelle Science Fiction sagt übrigens meist mehr über die Gegenwart als über das Bild der Zukunft aus. Jeder, der wirklich schreibt, gestaltet etwas, das es realiter noch nicht gibt. Er nimmt also Einfluss auf das sich ständig neu entfaltende Wirklichkeitsbild. Das macht ihn zum Techniker des Potentiellen.

Das zweite Zitat zielt für mich auf die Sinnlichkeit des Denkens, auf unmittelbares & nicht-entfremdetes Denken. Zweifellos wird Sinnlichkeit mehr & mehr aus dem so genannten seriösen Diskurs verbannt. Mit dem Ausblenden von Sinnlichkeit soll der individuelle Freiraum eingeebnet & eingeengt werden. Es gilt also, das Sensuelle (im Gegensatz zum Sensationellen) zurück in den öffentlichen Raum zu bringen.

Stille: Mit ihr beginnt der Abstand zum & die Unabhängigkeit vom gewohnten Bild. Man stelle sich Stille auf einer Parteiversammlung oder beim Fernsehen vor. In der Stille wächst das Bewusstsein, & deshalb ist es keine Frage, dass die Betreiber der Kontrollmaschine Stille bei der Präsentation entscheidender & lebenswichtiger Fragen um jeden Preis verhindern wollen. Wer redet, lügt … & nur die Stille enthüllt Verlogenheit & Phrase.

Ein anderer Punkt ist die endogene Stille gegenüber dem Wort … den Fluss der ständigen verbalen Reaktionen & automatischen Assoziationen unterbrechen.

Marvin Chlada: Guck ich mir an, was beispielsweise Gilles Deleuze – und er lässt sehr wenige Bücher als Literatur, sehr wenige Leute als Schriftsteller gelten, wie er betont – in DIE LITERATUR & DAS LEBEN von einem Autor erwartet (Minoritär-Werden, Tier-Werden, «Karte machen» usw.), so gewinnt man den Eindruck, dass z. B. Burroughs davon eine ganze Menge vorweg genommen hat. Das gleiche gilt für Ihre schriftstellerische Tätigkeit, ich denke da zum Beispiel an die phantastische Erzählung «Der Schlaf der Geächteten» aus DER RAUMAGENT.

Wenn Sie derartige Theorien zur Literatur lesen, fühlen Sie sich eher bestätigt in Ihrem Schaffen, nehmen Sie das mit hinein in Ihre Werkzeugkiste oder ist das für Sie ein Prozess, der sich im theoretischen Bereich praktisch zeitgleich zum literarischen Entwickelt hat – eine Forderung, eine Technik, deren «Zeit gekommen» ist?

Jürgen Ploog: Ich war auf dem Weg in den «Raum hinter den Worten», bevor ich etwas von den Post-Strukturalisten gelesen hatte. Ich sehe Parallelität in solchen Äußerungen. Der Strukturalismus arbeitet mit Differenzierung, & in gewisser Weise macht das auch die Schnitttechnik. Sie ermöglicht ein höchst diffiziles & vielschichtiges zerebrales Navigieren. Das Instrumentarium des Bewusstseins verfeinert sich, nicht im Sinn von Feinkost, sondern hin zu chirurgischer Präzision. Dass sich auch «die Wirklichkeit» verfeinert, virtualisiert, geht damit Hand in Hand. Ästhetik ist ja ein Mitte, um mit der Umgebung ins Gespräch zu kommen. Sie ist Bestandteil eines kommunizierenden Aggregats.

Marvin Chlada: Ihre «Notizen zu Virilio», ein kleiner Text, erschien 1995 unter dem Titel BLACK MARIA ODER DAS ECHTZEIT-ENDSPIEL. Bei der Lektüre hat mich besonders die letzte Seite beeindruckt: «Ich bin was ich sehe», steht da in großen Lettern auf einem kariert-gerasterten Gesicht gedruckt. &: «Anders sehen heißt auch, ein anderer werden.»

Blättert man durch die akademischen Werke, die sich mit Beat- oder Popliteratur beschäftigen, fällt auf, dass die Kategorie «Alltag» eine besondere Rolle spielt & oft gegen den Begriff der «Fiktion» (was immer das in diesem Zusammenhang auch sein soll) ausgespielt wird. Die Damen & Herren Doktoren, sowie eine ganze Reihe von Pophistorikern, so scheint es, suchen nach «Authentizität», nach «Wirklichkeit», nach einem «realen» Ort, an dem das Schreiben stattzufinden hat. Nun gibt es aber beispielsweise einen Essay von Wolfgang Rüger über Rolf Dieter Brinkmann, in dem er sehr anschaulich demonstriert, dass die selbstgestellte Aufgabe moderner Literatur gerade darin bestand, über das naturgetreue Abbild der Wirklichkeit hinauszugehen, das «Panoramadenken», das Personen- & Charakterdenken praktisch aufzulösen. Oder, um mit Deleuze zu sprechen: «Was kommt Ihr mir immer mit Eurer ‹Realität› an? Platter Realismus. & warum liest Du mich dann?»

In Ihrem Buch STRASSEN DES ZUFALLS heißt es an einer Stelle, wo Sie auf die Bedingungen, unter denen Sie arbeiten, zu sprechen kommen: «Endstation Wirklichkeit, ihr armen Irren … sich dem Soundtrack des Hier & Jetzt auszusetzen heißt, in einer Talkshow landen, wo Meinungen folgenlos aufeinanderprallen.» Wie steht es um die «Realität» unter dem Diktat der Simulation, wie gestaltete sich das Verhältnis «Autor –Wirklichkeit» einst & wie gestaltet es sich heute?

Jürgen Ploog: Vermutlich hat das etwas mit der uralten Realismusdiskussion zu tun. Hier der Autor oder das Individuum, dort die «Realität». Ich kann mir nicht vorstellen, dass heute noch jemand von der Vorstellung ausgeht, dass es «die Realität» gibt. Realität ist das Ergebnis des gesamten sinnlichen Inputs. Damit es operieren kann, ist das Bewusstsein gezwungen ein Bild zu entwerfen, das keinerlei Anspruch auf Objektivität haben kann. (Ich denke da an Untersuchungen über «Bewussteinsstörungen».) Ist ein nicht-gestörtes Bewusstsein unter gegebenen Bedingungen überhaupt noch vorstellbar?

Ja, es gibt sie, die «Bewusstseinsindustrie». Ich betrachte es als schwerwiegenden Fehler, dass sie von der 68er Generation ideologisiert wurde. Sie wurde verteufelt, weil sie von der «falschen» Fraktion – den Konservativen – betrieben wurde. Dass sie sich die Medien zu einer Realitätsmaschine entwickelt haben, wurde weitgehend ausgeklammert. Daher der Irrtum, sie müsste nur übernommen & umgepolt werden, um die gewünschten Verhältnisse herbeizuführen.

Brinkmann zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang interessant, weil er ästhetisch zunächst auf Erweiterung des Realitätsbegriffs setzte. Später genügte ihm das offensichtlich nicht mehr & er setze auf «Dekonstruktion» mit Hilfe der Schnitttechnik. Er steckte mitten in einem gigantischen Umschreibprozess, der wegen seines frühen Tods nicht vollendet werden konnte.

Bestehen auf der «Realtität» ist im eigentlichen Sinn des Wortes immer reaktionär. Ein Slogan hieß damals übrigens: «Seien wir realistisch & fordern das Unmögliche.» Wie Sprache arbeiten Massenmedien mit automatischen & damit vorhersehbaren Reaktionen & Assoziationen & deshalb sind & bleiben sie – so kritisch sie sich geben mögen – ein affirmatives Instrument. Wer den erwähnten Realitätsbezug verlangt, fordert nichts anderes als Anpassung, Anpassung an was? Nun, an das von der Bewusstseinsindustrie entworfene Bild, eine transfaktisch geschickt produzierte Simulation. Dieses Feld ist besetzt, deshalb wird eine Literatur, die hier mithalten will, mehr & mehr von der öffentlichen Wahrnehmungsbühne verdrängt.

Eine Literatur, die diesen Namen verdient, muss sich deshalb auf Zusammenhänge konzentrieren, auf denen das konsensuale Wiederkäuen des Vorgegebenen beruht, & dabei spielt Wahrnehmung eine entscheidende Rolle. Ich bin tatsächlich das, was ich sehe. Das ist die Prämisse, mit der sich jeder Leser & Zuschauer auseinandersetzen muss.

Marvin Chlada: Die von Ihnen herausgegeben Anthologie AMOK/KOMA. EIN BERICHT ZUR LAGE, Anfang 1980 erschienen, beginnt mit Ihrem Text «Showdown des Okzidents» & schließt mit einem «Aufruf zum Chaos» von William Levy. Im «Showdown» heißt es gegen Ende: «… Statthalter erweiterter Kontrolle, die glauben, sie können rein willkürlich verfahren & den Planeten mit einem System von Kontrolle überziehen, das jederzeit an jeder beliebigen Stelle aktiviert werden kann … Möglichst viele Gesetze schaffen, damit jeder jeden belästigen kann … Um einen möglichst hohen Grad an Bedrohung & Verunsicherung zu erreichen, werden die Verbote so breit wie möglich gestreut, damit sie mehr & mehr Bürger erreichen … schließlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich der Einzelne bei der Erkenntnis ertappt, dass er ein öffentliches Risiko ist … Fragen wir uns, wohin die Reise geht …»

Kontrolle ist ein Thema, welches in Ihrem Schaffen eine besondere Rolle spielt. Heute, & ich denke jetzt an die Situation nach dem 11. September, wo Kontrolle für jeden spürbar & ohne nennenswerten Widerstand in der Bevölkerung radikal zugenommen hat, scheinen die Worte aus «Showdown» beinahe prophetisch & geradezu aktuell.

Wohin also kann die Reise noch gehen, wenn kritische Stimmen rar sind oder aufgrund eines riesigen Informations- & Medienimperiums nicht mehr wahrgenommen werden können? Wo wird die Reise enden, jetzt, da die Macht, die Institutionen & die Herrschenden ihre Netze immer dichter ziehen & wir, wie Sie in den STRASSEN DES ZUFALLS sagen, einer permanenten «kulturellen Gehirnwäsche» unterzogen werden?

Jürgen Ploog: Eine seltsame Koinzidenz hat ergeben, dass ich gerade in den letzten Tagen das Vorwort zu AMOK/KOMA noch einmal überarbeitet habe (erschienen 1980), & seine Aktualität hat mich selbst überrascht. (Übrigens wurde ich vor kurzem darauf hingewiesen, dass der Umschlag von STRASSEN DES ZUFALLS – der ohne mein Zutun entstand – die Fassade des World Trade Centers zeigt.)

Ja, es ist alarmierend, wie bedenken- & widerspruchslos die Kontrollmaßnahmen im Kampf gegen den Terrorismus hingenommen werden. Der Herrschaftsapparat hat die Gelegenheit genutzt, die Überwachungsnetze noch enger zu ziehen. Schon vor den Ereignissen des Septembers fiel auf, dass die so genannte Intelligenz nichts oder wenig gegen die sich abzeichnenden kybernetischen & telematischen Kontrollstrategien vorzubringen hatte (ich denke an den verdeckten «Drogenkrieg», bürokratische  Verordnungen gegen Geldwäsche & Versuche von Verbrechensprävention). Mir scheint, dass es schlichtweg an Bewusstsein für die Bedrohung durch Kontrolle fehlt. Möglicherweise haben die ideologischen Auseinandersetzungen, die das ganze letzte Jahrhundert durchzogen, die meisten Intellektuellen blind für die tatsächlichen Gefahren gemacht. Sie haben auf die falsche Schlange gestarrt & die schleichenden technologischen & strukturellen Kontrollinstallationen übersehen.

Der Aufruf zum Chaos wäre heute, angesichts eines verzweifelten institutionellen Chaos (man denke an die Unzahl national & global, auch gegeneinander operierender Dienste, Agenturen & Spezialeinheiten), eine allzu naive & romantische Forderung. Ein Beispiel, wie schnell sich die Bedingungen verändern & die Fronten verschoben haben.

Vor dem Hintergrund von Internationalisierung & Globalisierung werden ohne Frage Möglichkeiten freier Entfaltung immer mehr eingeschränkt. In diese eingeschlagene Richtung scheint es vorerst ungebremst weiterzugehen. Zeit, sich warm anzuziehen … wenn es dem Einzelnen gelingt, sein Bewusstsein zu retten, ist schon viel erreicht. Nur der unbedarfte Geist lässt sich manipulieren, ist das nicht eine Lehre aus der deutschen Geschichte? Der einzige «Realismus», der für mich zählt, zielt darauf, zu erkennen, in welchem Umfeld ich mich bewege. Möglich, dass ich auf ähnlich Gesinnte, auf Komplizen treffe. Fakten (auch die geschichtlichen) folgen immer den Erkenntnissen, & aus ersten Anzeichen können sich schnell krisenhafte Bedingungen ergeben. Dem Tatsächlichen gegenüber flexibel & agil bleiben. Dies ist ein Ausrottungskrieg, & er wird auf allen Ebenen geführt.

Bleiben wir realistisch …

Text aus: Alles Pop? Kapitalismus & Subversion. Hrsg. von Marvin Chlada, Gerd Dembowski & Deniz Ünlü, Alibri: Aschaffenburg 2003, S. 105-111

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