Alfred Hackensberger: Die Schwimmerin

Beim Klauen muss man Spezialist sein. Unverschämt, eine ruhige Hand und den Sinn für den richtigen Moment. Das alles zusammen habe ich leider nicht. Absolute Spezialistin auf diesem Gebiet ist Sonia. Die zieht alles aus der Tasche, ohne dass jemand etwas bemerkt. Lange Zeit arbeitete sie mit einem Israeli. Ein Verrückter mit Kampfhund und Gehirntumor. Gestorben ist er nie. Das war eine Masche. Aber das macht Eindruck, ich habe Gehirntumor und mir ist alles egal, ich habe nicht mehr lange zu leben. Er hatte auch eine Pistole. Wie er hieß, fällt mir jetzt nicht mehr ein. Ein kleiner Kerl, der unterschätzt wurde, wer ihn nicht kannte. Bedingungslos bis zum Ende. Messer raus und Hund los. Wenn er richtig wütend wurde, kam er mit seiner Pistole. In den Dreck mit dir, den Lauf in den Mund. Ich war mit ihm einige Tage unterwegs. Eines Nachts gab es Probleme auf dem Kiez. Ich bekam einen langen Schwarzen. Der Israeli hielt zwei andere in Schach, schlitzte einen Oberschenkel. Mein Boxer blutete auch, aber es waren nur die Zähne. Ich hatte den Abdruck in der Hand und zwei gebrochene Rippen, während dem Israeli nichts passiert war. Alles auf der Strasse, im Scheinwerferlicht des Taxis, das auf uns wartete. Der Fahrer wollte uns eigentlich nicht mehr mitnehmen, aber wir hatten ihn noch nicht bezahlt. Warte hier, wir kommen gleich. Er sagte kein Wort auf dem Rückweg, blickte wieder und wieder in den Spiegel, um uns zu beobachten. Ich erinnere mich noch gut daran.
Warum Sonia mit dem Israeli zusammen war, verstand kein Mensch. Er schlug sie, sperrte sie in die Wohnung ein. Er öffnete die Tür, um sie auf Toilette zu lassen und ihr das Nötige zu geben, das sie ruhig hielt. Wenigstens etwas, hatte sie zu mir gesagt. Am Wochenende gab es Freigang, um Geld zu machen. Im Taxi, in Tankstellen, im Supermarkt. Dann war der Kühlschrank voll für einige Tage und sie durfte dabei sein, wenn ausgiebig gefeiert wurde. Sie bekam jedoch nie mehr, als nötig. Die Exzesse der anderen konnte sie nur beobachten.
Als der Israeli verhaftet wurde, der Hund erschossen, war Sonia froh. Endlich konnte sie für sich alleine arbeiten, hatte keinen Chef mehr und musste nichts mehr abgeben.
Alles für mich allein, sagte sie und zeigte mir Geld und zwei volle Dosen.
Dann verlor ich sie aus den Augen, bis ich in der Morgenzeitung las:
Junge Frau schwimmt in die Freiheit. Durch einen Sprung ins eiskalte Wasser flüchtete Sonia B. aus der JVA. Bei den Arbeiten in der Nähe des Gefängnisgeländes sonderte sich die 25-jährige Insassin von ihrer Gruppe unbemerkt ab, entledigte sich ihre Arbeitskleidung und sprang ins Wasser. In nur wenigen Minuten durchschwamm sie den Nebenarm der Ilbe. Die Wächter sahen tatenlos zu, wie sie am anderen Ufer an Land ging und davonlief. «Sie winkte uns noch zu bevor sie verschwand», berichtete eine Wärterin. Auf die Frage, warum sie dem Mädchen nicht gefolgt sei, sagte die JVA-Beamtin. «Das wäre doch lebensgefährlich. Wer mitten im Winter ins eiskalte Wasser geht, muss verrückt sein». Von der Gefängnisleitung war nicht mehr Personal eingesetzt worden, weil der Fluss als natürliches Fluchthindernis verstanden wurde, hieß es in einer offiziellen Stellungnahme. Von der geflohenen Insassin fehlt bisher noch jede Spur.
Unter einem, wie üblich, sehr unvorteilhaften Foto von Sonia B. stand: Wie gelang der klitschnassen Frau bei Temperaturen um den Gefrierpunkt die Flucht über das kilometerweite Marschland?
Es war eine gute Freundin, die mit dem Auto nur wenige 100 Meter vom Fluss entfernt, auf sie gewartet hatte, mit neuen Klamotten und einer Thermoskanne voll Zitronentee. Danach ging es weiter unter die Sitzbank in die Stadt.
So erzählte es mir zumindest Sonia, die wenige Tage nach ihrer medienwirksamen Flucht bei mir klingelte. Die Adresse hatte sie aus dem Telefonbuch.
Ich brauche einen Platz für ein paar Tage zum Schlafen, hörte ich sie durch die Gegensprechanlage sagen.
Kein Name, kein Hallo, keine Bitte. Ich drückte den Summer.
Sie nahm eine Dusche, während ich ihr was zu essen machte.
Bin ein bisschen planlos durch die Gegend, sagte sie und mampfte meine Rühreier mit einem uralten Stück Brot. Bei Susi konnte ich nicht bleiben, war mal da und dort. Eine Nacht sogar auf der Strasse, was bei den Temperaturen und den Streifen nicht sehr angenehm ist. Hast du was zur Beruhigung?
Ich legte ihr Alu und ein Päcken hin. Sie war zufrieden, schlief ein paar Stunden auf der Couch vor laufendem Fernseher.
Ich brauche Geld, sagte sie, als sie mir eine Tasse Kaffe servierte.
Hast du etwas Schickes für mich? Ein Kleid oder einen Hosenanzug?
Ich gab ihr etwas von Gabi, die schon lange nicht mehr hier wohnte.
Passt wie angegossen, meinte sie vor dem Spiegel. Noch ein bisschen Schminke und schon kann es losgehen. Aber vorher habe ich noch etwas vor, mit dir Kleiner. Ich komme aus dem Knast und da sind solche Bürschchen wie du eher rar zu finden.
Sie nahm mich bei der Hand und schleppte mich ins Schlafzimmer aufs Bett.
Nun hab dich nicht so, sagte sie mit einem Grinsen. Moralisch geworden auf deine alten Tage oder nur unflexibel? Beides ist jetzt nicht gefragt. Ich werde dir schon auf die Beine helfen, ob du willst oder nicht.
Sie wusste, wovon sie sprach. Danach rauchte sie zuerst eine Folie, dann eine Zigarette.
Machen wir uns fertig, mein Freund. Die Kohle ruft. Zieh dir einen Anzug an oder zumindest etwas mit Jackett. Vorher Duschen, Haare waschen und rasieren, sonst gehe ich mit dir nicht auf die Strasse. Und dann gibt’s keine Kohle.
Wir fuhren zum Rudi-Bahlen-Platz, dort war es in den Bars und Kneipen am Samstagabend immer rappelvoll. Genau das, was wir suchten. Wir mussten uns zur Bar durchdrängeln.
Ideal ist das hier, meinte Sonia und hielt Ausschau nach geeigneten Objekten.
Ich hab zwei oder drei im Auge, flüsterte sie mir ins Ohr. Ich verstand nichts, weil die Musik so laut war. Die Leute neben uns hüpften im Takt. Der ganze Laden schien sich im Takt zu wiegen. Ich wusste aber, was sie meinte.
Lass uns hier hin gehen. Bestell Bier und bezahle gleich.
Es wurden zwei Bier, bis sie fündig wurde. Sie schubste mich und ich sagte: Verzeihung, tu mir leid. Die große Blonde drehte sich und schrie mir entgegen: Kein Problem, ist schon OK.
Wieder wurde ich von Sonia geschubst, Richtung Ausgang diesmal. Sie drängelte heftig hinter mir. Mach schon, wir müssen hier raus.
Ein paar Strassen weiter, in den nächsten Laden. Wieder eine schicke Bar, das gleiche Szenario. Am Ende 240 in Bar, eine Kreditkarte, zwei EC, Führerschein, ein Personalausweis.
Prima, sagte Sonia. Zuhause übte sie Unterschrift. Man sah, sie machte das nicht zum ersten Mal. Nach einer Stunde: Auf zum Test.
Im Taxi kein Problem. Wir gingen einkaufen, dann nach Hause und machten es uns gemütlich. Rauchen, Trinken, Fernsehen, Sex.
Das volle Programm, sagte Sonia. Wie lange schon nicht mehr.
Am nächsten Tag färbte sie sich die Haare blond nach. Ich sehe sie noch vor mir, wie sie mit der Paste auf dem Kopf im Bad steht. Lachend, eine Zigarette im Mund. Im nächsten Moment nackt, als das Handtuch, das sie umgewickelt hatte, zu Boden fiel.
Mit meinem polnischen Taxifahrer fuhren wir von einem Supermarkt zum anderen. Hauptsächlich Zigaretten, Schnaps, aber auch Lebensmittel für Zuhause. Zigaretten und Schnaps wurden wir im Lotto-Toto-Geschäft im Viertel los. Wir mussten warten, bis die Kunden gegangen waren.
Wie üblich halber Preis, sagte der Besitzer.
Ich musste daran denken, dass er in der Initiative für ein sauberes Viertel war. Ich betrachtete zwei ihrer Plakate, die hinter ihm an der Wand klebten, als er uns ausbezahlte. Bis bald, sagte er. Was für ein Arschloch, sagte ich zu Sonia, als wir auf der Strasse standen. Sonia war das egal.
Sie blieb noch ein paar Tage. Ich sagte ihr, dass ich sie auf Dauer nicht hier haben wollte. Die ständigen Taxifahrten, immer an die gleiche Adresse, das konnte nicht gut gehen. An einer Tankstelle war eine der Karten aufgeflogen. Die Kassiererin hatte die Polizei gerufen. Sonia war zwar noch einmal davon gekommen. Schlechte Verbindung mit der Zentrale, hatte die Verkäuferin gesagt. Das ist heute schon öfter passiert. Für Sonia Grund genug, alles stehen und liegen zu lassen. Sie überkletterte die Mauer eines Hinterhofs, als die Polizei mit Blaulicht angefahren kam.
Das ist mir alles zu heiß auf Dauer, sagte ich ihr.
Warum machen wir es dann nicht alleine mit deinen Taxifahrern, von denen du mir nicht die Nummer geben willst?
Ganz einfach, weil das für zwei zu wenig ist.
Sie war beleidigt und am nächsten Tag verschwunden.
Ich traf sie noch einmal nachts im Viertel beim Einkaufen. Danach hörte ich, dass man sie auf dem Bahnhof schnappte, als sie eine Fahrkarte kaufen wollte.
Sie hatte mir erzählt, am liebsten wolle sie abhauen.
Ein bisschen Kohle und nichts wie weg. Endlich etwas anderes sehen, etwas anderes machen. Schluss mit dem Stress.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Alfred Hackensberger veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s