Marvin Chlada: Ehrenwerte Langfinger

1930 hat der Hobo und Einbrecher Jack Black einen Essay über den Ehrenkodex der Ganoven verfasst:

Wenn in den Mainstream-Medien von «Parallelgesellschaft» die Rede ist, dann ist damit nicht etwa der Adel gemeint. Der gilt inzwischen als offiziell integriert, was soviel bedeutet wie unverdächtig, also gut und somit bedenkenlos ehrbar. Ebenso wie Militär, Kirche, Polizei usw. Sie alle stehen auf der Seite des Rechten und Guten, repräsentieren Geist und Macht des Sitten- und Strafgesetzes. Ehre, wem Ehre gebührt. Unliebsamen Milieus hingegen, die sich dem Guten schlechthin oder auch nur scheinbar verweigern, gelten entsprechend als wenig ehrenhaft. Nur selten wird der Leidtragende zum Würdenträger erhoben. Wer sein «eigenes Ding» zu drehen pflegt, egal ob Migrant oder Mafioso, hat den Pfad ehrbarer Tugend verlassen.
Der Einbrecher Jack Black ist da anderer Ansicht. Gegen das Gesetzbuch der «Oberwelt» bringt er die Ganovenehre der «Unterwelt» in Anschlag: «Der Kodex der Verbrecher beruht auf denselben Grundlagen wie der Kodex der Gesellschaft: Schutz von Leben und Eigentum.» Kurz, auch Diebe, Zuhälter und Geldfälscher können ihren «guten Ruf» verlieren. Wie der ordinäre Geschäftsmann erhöhe gleichsam der Ganove seine Kreditwürdigkeit, wenn er seine Rechnungen pünktlich bezahle und seinen Verpflichtungen nachkomme. Je einfacher die Regeln, desto eher werden sie eingehalten.
Im Gegensatz zur «Gesellschaft» gleiche die Welt der Ganoven allerdings der «provinziellste(n) Dorfgemeinschaft», die in ihren sozialen Abstufungen «vollkommen unnachgiebig» sei. Strenge Regeln gelten da. Mitunter werden differenzierte, trennscharfe Maßstäbe angelegt. Für das Verhältnis von Unter- zur Oberwelt bedeute dies, dass z. B. ein Anwalt, der einem Ganoven die Beute abluchst, diese auch behalten darf. Der Ganove pfeift auf die Beute und holt sie sich «beim nächstbesten Bürger» wieder. Da der Anwalt in der Regel zur Oberwelt gehört, hat der Ganove lediglich die Pflicht, seine Kumpane in der Unterwelt vor diesem Anwalt zu warnen. Dieser Pflicht freilich sollte der betrogene Ganove nachkommen, ansonsten könnte sein «Kastenstatus» in Gefahr geraten, schließlich gar Vergeltung an ihm geübt werden. «Ein Dieb», so Black, «wählt seinen Partner sorgfältiger aus als jeder Geschäftsmann, denn sein Leben und seine Freiheit stehen auf dem Spiel.»
Jack Blacks Essay ist 1930 im US-amerikanische Harper’s Monthly Magazine unter dem Titel «A Burglar Looks at Laws and Codes» erschienen. Ausgangspunkt der Überlegungen bildet die Wirtschaftskrise. Black sieht die scharfe Trennung zwischen Unter- und Oberwelt schwinden. Was sich herauszubilden beginne, sei eine schattenhafte Grauzone, die von Leuten bevölkert werde, die weder dem Kodex der Ganoven noch dem Gesetzbuch sich verpflichtet fühlen: «Der Knall der Pistole eines Gewaltverbrechers ist heutzutage nur das Echo aus den höheren Etagen der Bestechung und Korruption», heißt es da. Und weiter: «Wenn der Bankpräsident seine Bank von innen ruiniert und der staatliche Bankrevisor, der Polizeichef der Bankenwelt, zu seinem Komplizen wird, der draußen für ihn ‹Schmiere steht› und seine Plünderungen deckt, dann überrascht es nicht, dass der für seinen kleinen Lohn arbeitende Schalterbeamte auf Abwege gerät. Eher überrascht es, wie viele ehrlich bleiben.»
Warum vor allem die kleinen Leute, Arbeiter und Angestellte das Vertrauen in den Kodex des Gesetzbuches verloren haben? Dafür weiß Black drei Gründe zu nennen: Zum einen sei der Kodex des Gesetzes zu undurchsichtig und kompliziert geworden, was u. a. zu «Mauschelein» führe. Laut Black handelt es sich hierbei um den unbewussten Ausdruck des Wunsches nach direkten Verhandlungen von Mensch zu Mensch. Zum anderen werde das Gesetzbuch weder unparteiisch fest- noch ausgelegt. Es herrschen zu viele Sondergesetze für bestimmte, einflussreiche Lobbyisten und Interessengruppen. Der dritte Punkt lautet: Bestechlichkeit und Korruption haben dazu geführt, dass Richter und Polizisten von «gewöhnlichen Bürgern» eher als Unterdrücker und immer weniger als Beschützer wahrgenommen werden. Um seine Thesen zu untermauern, führt Black neben tragischen und bedauerlichen Fällen gleichsam eine Reihe komischer und amüsanter Anekdoten und Beispiele auf. Black hofft auf eine «Epoche der Vernunft» und stellt der gesetzlosen Gesetzgebung die Utopie von einem Kodex entgegen, der es keiner Gruppe mehr erlauben werde, auf Kosten einer anderen zu gedeihen. Ein solcher Kodex erst, würde die «größte Gerechtigkeit» für die Mehrheit der Menschen garantieren.
Jack Blacks bereits klassisch gewordener Essay wurde nun von Florian Vetsch und Axel Monte erstmals unter dem treffenden Titel «Gesetzbuch und Ganovenehre» ins Deutsche übertragen. Ergänzt wird der Band durch einen biographischen Abriss des Autors, eine Bibliographie und einem überaus aufschlussreichen Nachwort von Jürgen Ploog, der Kontext, Aktualität und Bedeutung von Blacks Werk und dessen denkwürdiger Wirkungsgeschichte beleuchtet.

Jack Black: Gesetzbuch und Ganovenehre. Aus dem Amerikanischen von Axel Monte und Florian Vetsch. Mit einem Nachwort von Jürgen Ploog, Books Ex Oriente 2011, 48 Seiten, Euro 9,50

Text aus: DreckSack. Lesbare Zeitschrift für Literatur. Hrsg. von Florian Günther, 2. Jg., H. 5, Dezember 2011

Bild: Jack Black, San Quentin Prison Mugshot (1912)

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