Marvin Chlada: Der Dichter als Lumpensammler – Florian Günther hat ausgemistet

In einem Gedicht mit dem Titel «Im Schatten des Meisters» beschreibt der Berliner Fotograf und Autor Florian Günther das Unbehagen, das ihn überkommt, wenn er mit Charles Bukowski verglichen wird. Zwar habe er nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass Bukowski sein «Held» ist, allerdings:


«Man traut sich ja schon
gar nicht mehr zu pimpern,
denn eh du dichs
versiehst, steckt einer seinen
Kopf zu dir herein und
sagt: Bukowski hatte
auch ne Frau. Sah
genauso aus wie die.»

Milliarden von Kneipengängen zum Trotz lässt sich das Verhältnis von Günther zu seinem «Helden» Bukowski letztlich als recht nüchtern charakterisieren, vergleichbar der Stellung eines Victor Considerant zu Charles Fourier oder von Jürgen Ploog zu William S. Burroughs. Kurz, da wird nicht auf Bullshit rekurriert, sondern aufs Wesentliche sich konzentriert. Empfehlungen und Weisheiten á la Bukowski, die sich darin erschöpfen, einem Kerl zu raten, erst einmal die Mutter zu vögeln bevor er die Tochter heiratet und sich allem voran vor «Weibern, die außer dicken Titten kaum was aufzuweisen haben» in Acht zu nehmen, finden sich bei Günther jedenfalls nicht.
Treffender als die zahlreichen Vergleiche mit Bukowski scheint mir mit Blick auf die Gedichte von Florian Günther daher Jörg Fausers Rede vom Poeten als Lumpensammler zu sein, als einer, der es «wie die Ratte und der Schakal» gelernt hat, mit den Abfällen auszukommen. Sei’s drum, die von Günther herausgegebene «lesbare Zeitschrift für Literatur» heißt auf alle Fälle «DreckSack» – und soviel ist sicher: Titel und Untertitel sind Programm!

Bei Günther wird der alltäglich produzierte Müll in poetischen Bildern festgehalten, deren Besonderheit es ist, gerade das Zärtliche im Ordinären und das Rohe im Selbstverständlichen so auszuleuchten, dass das darin Gewöhnliche und Unhinterfragte sichtbar wird. Genau da nämlich gilt es hinzuschauen, denn dort, zwischen nacktem Wahnsinn und erzwungenem Überleben, spielt die Musik. Auch in diesem Sinne sind Günthers Gedichte immer ein Stück weit ernüchternd. Ein Grund mehr, das Glas wieder zu füllen.

Eine repräsentative Auswahl seines Schaffens (1989-2011) liefert nun ein im Verlag Peter Engstler erschienener Band, der den augezwinkernden Titel «Ausgemistet» trägt – ein überaus liebevoll zusammengetragenes und gestaltetes «Best of» gewissermaßen, zu dem Hermann Peter Piwitt ein gleichsam informatives wie amüsantes Nachwort beigesteuert hat. Nicht nur Lesemuffel sei darüber hinaus die CD «Schlechte Aussichten» empfohlen: 22 von Günther gelesene Gedichte, musikalisch untermalt von Alexander Krohn. Na denn! Prost!

Florian Günther: Ausgemistet. Gedichte 1989-2011, Verlag Peter Engstler, 16,90 Euro
Florian Günther: Schlechte Aussichten. Gedichte, Distillary Records, 9 Euro (Hörbuch)
Foto oben: Thomas Günther

Weitere Infos und Materialien zum «DreckSack» und seinem Herausgeber Florian Günther finden sich auf www.edition-luekk-noesens.de

Text und Bild aus: DER METZGER, Nr. 99, Februar 2012, herausgegeben von Helmut Loeven (www.buchhandlung-weltbuehne.de)

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