Jürgen Ploog: A long Shot für Carl, den Survivor

Der Tod, der letzte Schnitt hinterlässt immer ein bitteres Gefühl, in dem sich Schmerz & Verlust mischen & auch, weil das Endgültige zu Rückblicken zwingt.

Carl & ich waren Verbündete, & im literarischen Sinn Komplizen. Der Umstand, seiner zu gedenken, verlangt, an den Zeitpunkt des Ursprungs zurückzukehren. Es war im Mai 1968, ein denkwürdiges Jahr. Ich hatte auf einem Amerikatrip die Zeitschrift San Francisco Earthquake mit dem Beitrag eines deutschen Autors entdeckt. Es war ein waschechter Cut-up-Text, der mich neugierig machte. Ich wollte wissen, wer dahinter steckte & vermutete das Pseudonym eines ausgeflippten Amerikaners.

Zu meinem Erstaunen antwortete mir der Mann namens Weissner & ein reger Briefwechsel entstand. Er hatte 2 Jahre in New York, San Francisco & Hawaii verbracht & war drauf & dran, nach Deutschland zurückzukehren. Eine langjährige Zusammenarbeit begann.

In Deutschland tat sich einiges auf den Strassen & in den Gehirnen, aber das war nichts im Vergleich zu dem, was drüben lief. Der wache Blick auf dieser Seite des Atlantiks war eindeutig nach Westen gerichtet, & das nicht nur musikalisch. Es war die Zeit, als Rolf Dieter Brinkmann Westwärts 1 & 2 schrieb (erschienen 1975). Es war eine Zeit, als Orte wie Istanbul, Tanger oder Beirut noch weit weg & fremd waren & 1984 als dystopische Vision unerreichbar fern erschien. Es war auch eine Zeit, als noch viel gelesen wurde. Vor allem war es eine Zeit des Auf- & Umbruchs.

Carl & ich hatten biografisch gemein, dass ich 1952 ein Jahr in den USA verbracht hatte & er die Jahre 1966 – 1968. Von vornherein lief unsere Korrespondenz zweisprachig, nicht entweder/oder, sondern im Sprung von Satz zu Satz. In gewisser Weise war das eine bipolare Sprache, in der Versatzstücke von Deutsch & Amerikanisch nahtlos ineinander übergingen. Ja, Amerikanisch, das heisst, vermischt mit Jargon, Slang & Umgangssprache, orientiert am gesprochenen Wort. Dahinter steckte das Verlangen, von der deutschen Schriftsprache wegzukommen, die sich automatisch einstellte, wenn es darum ging, etwas zu Papier zu bringen.

In dieser Beziehung hatte er mir einiges voraus, denn er war schon früh in den Ami-Jazzkneipen von Heidelberg herumgehangen & dabei auf Gedichte & Geschichten gestossen, die sprachlich & atmosphärisch der schrägen Anderswelt entsprachen, die als hip galt, also anti-bürgerlich, weltoffen & unspiessig. Sie musste einem, der in der Beamtenwelt von Karlsruhe aufgewachsen war, als befreiender Gegenentwurf vorkommen. Der Schritt, Kostproben dieser ungebändigten Stimmen in eine Zeitschrift zu packen, folgte war zwar nicht zwangsläufig, lag aber doch auf der Hand für jemand, der es nicht dabei belassen wollte, im Dunstkreis einer Boheme zu versacken, die sich selbst genügte. Ich sehe darin einen antikünstlerischen Effekt, der einerseits auf einem spezifischen Lebensgefühl frei von Getue & stilisierter Attitüde beruhte & andererseits auf dem Vorsatz, es nicht bei selbstgefälligem Dabeisein zu belassen. Was folgte war KLACTO.

Ende 1968 stand Carl bei mir vor der Tür in Frankfurt in der Ulmenstrasse. Auf welchen Wegen auch immer hatte er Kontakt zu Brinkmann & Ralf-Rainer Rygulla, die gerade an der Anthologie ACID bastelten, die der «neuen amerikanischen Szene» gewidmet war & wie ein Hammer im bundesrepublikanischen «Saustall» einschlug, wie er in einem Brief meinte. Es war klar, dass diejenigen, denen die ungewohnte Schreibweise etwas sagte, es nicht beim Übersetzen von Importware belassen wollten. Die Zeit schien reif, selbst was auf die Beine zu stellen & dem literarischen Establishment zu zeigen, dass der Weihrauch der vor allem von der Gruppe 47 betulich in Szene gesetzten Rituale nicht frei von Muff war.

Jörg Fauser tauchte auf, der in Istanbul schwere Zeiten hinter sich hatte, bemüht, seine ersten Schreibversuche an den Mann zu bringen, & als Versuche waren sie notgedrungen experimentell. Experimentell hiess, rücksichtslos gegenüber hergebrachten Forminhalten. Aug in Aug auch mit den am Rand unter & dem Einfluss von Drogen gewonnenen bahnbrechenden Lebenserfahrungen. «Warum hier haltmachen?» war die Devise. Das Reservoir an dies- & transatlantischem Material schien unerschöpflich, & wir machten uns daran, es in eigener Regie herauszubringen. Dabei kam zunächst UFO heraus & im zweiten Schritt Gasolin 23. Der Vertreib lief grösstenteils über Wintjes ULCUS MOLLE, & das Unternehmen brachte es immerhin auf 9 Ausgaben.
Damals war Gasolin nur eins von vielen Gewächsen im Wald unabhängiger, kleiner Blätter, in dem üppiger Wildwuchs herrschte & der von ikonoklastischen Angriffen auf bestehende literarische Kategorien durchzogen war. Es ging nicht darum, «Texte» zu produzieren, Gedichte, Kurzgeschichten oder gar Romane & auch nicht, eine «Literaturzeitschrift» zu machen (denn die gab es bereits in den Regalen der Buchläden, meist gesponsert von etablierten Verlagen). Schreiben glich einer Überzeugungstat, die aus dem Bauch der Erfahrung kam & Verve, Chuzpe & Rebellisches verlangte. Publizieren lief auf einen revolutionären Akt hinaus.

Jede Jugend lebt ihre eigenen Illusionen, & das gelingt nur, wenn sie nicht weiss, was sie tut. Oder wenn sie es weiss & trotzdem macht. Bei Gasolin & in manch anderen Veröffentlichungen ging es um die Sprache, & zwar eine Sprache, die Widerstand, Abweichung, Ablehnung zum Ausdruck brachte. Die sich nicht darum kümmerte, was Andere, zumal der so genannte Betrieb samt seinen Bütteln & Rechtspflegern dachten. Ja, je mehr sie sich die Augen rieben & die Nase rümpften, desto besser. Alle Mittel waren recht. Tonbandexperimente, Kollaborationen, bei denen der eine weiter machte, wo der andere aufhörte & ein Dritter noch einmal alles verschnitt (remixte). Carl machte das zusammen mit Burroughs & Pélieu («So Who Owns Death TV») & Jan Herman, Carl & ich setzten uns zusammen & heraus kam «CUT UP or SHUT UP» (1972).

Carl wird vor allem für einen Übersetzer gehalten, & das mit vollem Recht. Ich sehe ihn vor allem als Schriftsteller, & das in einer einmaligen Kombination: nämlich als Einheit von Autor & Übersetzer mit der speziellen Fähigkeit, seine Sprache & der des Übersetzten zu einem Amalgam zur Deckung zu bringen & zu verschmelzen. In mancher Hinsicht war das ein alchemistisches Verfahren. Seine grosse Leistung bestand darin, beide Sprachen authentisch zusammenzufügen, so dass sie einen eigenen Tonfall bekamen. Das war das Merkmal von Carls Übersetzersprache, die vor allem in der Übertragung von Burroughs Naked Lunch & kongenial im Fall von «Hank» Bukowski voll zu Geltung kam. Diese Aufgabe verlangte den ganzen Mann, den ganzen Weissner, der auch im Schlaf (wie er einmal sagte) noch mit einem Satz oder einer Formulierung rang.
Ich fürchte, Carl war gezwungen, diesen «Umweg» zu machen, das war er seinem sprachlichen Engagement schuldig, & ich vermute, dass es Phasen gab, in denen ihm der Versuch, sich voll & ganz seinem eigenem Schreiben zu widmen, wie Verrat vorgekommen wäre. Sicher spielte auch die Notwendigkeit mit, sich auf diese Weise seinen Unterhalt zu verdienen, das kann nicht ignoriert werden. Es war der Versuch, seiner Sprache treu zu bleiben, & dazu boten sich vor allem die kontroversen amerikanischen Autoren an.

Gibt es ein Entkommen aus der Tretmühle des Übersetzens? Nur in wenigen Fällen, & wie seine letzten Jahre zeigten, kriegte Weissner auch das scheinbar mühelos hin. Weissner war nie nur Übersetzer, Weissner war Weissner, ein Urgestein bis zum letzten Moment. Ein Survivor, das wusste er. Er kehrte nicht nur geografisch zum Ursprung seine Schreibens zurück & setzte dabei beinah nahtlos mit «Manhattan Muffdiver» & «Die Abenteuer von Trashman» an seinen frühen Arbeiten an, als wären die letzten 30 Jahre mit einem kurzen Seitenblick vergangen. Das war vermutlich als Grundlage gedacht, als Plattform, um den literarischen Neubeginn hieb- & stichfest zu machen. Wie er sagte, schrieb er an 2 oder 3 Romanen gleichzeitig, was das Cutten & die Montagetechnik ohne weiteres möglich macht.

Für ihn gab es nie die Gefahr, sich einvernehmen zu lassen, dazu waren seine Sprache & seine Sicht zu eigenständig. Deswegen ist es unerheblich, wie viel «Eigenes» er hinterlassen hat. Jeder Preis, mit dem hierzulande so fadenscheinig & durchsichtig umgegangen wird, wäre zu schade für ihn gewesen. Er war sprachlich (& in seiner unbestechlichen Haltung) ein Fels in der Brandung des fragwürdigen Gemenges des Literaturbetriebs.

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4 Antworten zu Jürgen Ploog: A long Shot für Carl, den Survivor

  1. Enno Stahl schreibt:

    cool shout, jürgen

  2. onno ennoson schreibt:

    ´68 bin ich grade geschlüpft…und wer weiss,ob ich ohne weissners herausragende burroughs-übertragungen in den achtzigern je so regelmässig in 2001-buchhandlungen gewesen wäre…ist kein fehler das gewesen…inspiration bis heute…danke,captain,für diesen rückblick

  3. Pingback: Straight Up | Herman | A Long Shot for Carl the Survivor

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