Jürgen Ploog, Carl Weissner: Savannah mon amour (1974)

«Buy the ticket, take the ride», sagt der Ticket Clerk in Baton Rouge, und seine Hand zuckt im violetten Neonlicht. Draußen sind es dreißig Grad im Schatten. Noch eine halbe Stunde bis zur Abfahrt, also lassen wir uns im Lazy PS Motel für zwanzig Dollar einen runterlutschen. «And make with the tongue ya fucken moolie …»
Es war ein weiter Weg von dem Schließfach mit dem Heroin von den Franzosen in der Penn Station morgens um vier bis hier runter in einem Studebaker Jg. 58 mit dem wir angeblich an einem Oldie-Corso auf einer Rennstrecke in Louisiana usw. usw.
«Und? Auch nach Savannah?» fragt der Narcotics Agent, der sich von der Seite an uns rangesägt hat. Er trägt ein Hawaii-Hemd.
«Du bist nicht grau genug für die Stadt.»
«Stimmt. Was bin ich eigentlich – Filipino? Mestize? Chirikawa?»
«A piece of shit, that’s what.»
Er folgt uns tatsächlich aufs Klo. Wo wir ihn bewußtlos schlagen müssen, weil wir ihn sonst nie mehr loswerden. Jay reißt ihm ein Stück Hutkrempe ab und stopft es ihm als Knebel in den Mund.
Der Scientologe aus der Nachbarschaft behauptet, er sähe jedem schon von weitem an, wenn er einen Touch Assist braucht, aber auch er muß passen, wenn es um Außerirdische geht. Wie wir es zuletzt erlebt haben bei dem bulligen Schwarzen, der in die Frachtmaschine steigt und sich hinter Philadelphia in eine Umlaufbahn schießt. «Der Neger wird angetörnt von Elektrizität», schreibt McLuhan. Es muß toll sein, wenn man für alles eine Erklärung hat.

Was haben wir sonst noch alles überlebt? … Die Kneipe mit dem ausgetretenen Linoleum im East Village, Ventilator defekt, Senf verdunstet auf dem Tresen, das Haar der Kellnerin riecht nach altem Fett, blauer Qualm schießt durch den Fallout Shelter.
«Unbekanntes Objekt gesichtet?» Der deutsche Techniker pennte mit offenen Augen vor seinem Monitor. Ein Meteorit durchschlug die Außenhaut. Druckabfall. Er würgte, wurde blau im Gesicht, dann platzte er aus den Nähten. PHUT.
Der Portier schlurft durchs Foyer, bis zu den Knien in Tonbandabfällen.
Joe Colombo wird von einer MP-Salve erwischt, reißt das Maul auf, Kaugummi zieht Fäden zwischen den Zähnen, im Biograph Theater splittert das Glas.
«They need a fag to hang it on», sagt der Hombre in der Snack Bar, wo wir das Attentat auf Bobby Kennedy kurz nach Mitternacht als Wiederholung auf sämtlichen Kanälen zu sehen bekommen. Der Palästinenser hatte eine Kaliber-22 im Hosenbund. «Und so ist er durchs ganze Hotel bis da rauf gekommen? Niemals.»
Kaltes bläuliches Licht vom leeren Bildschirm, ich jage mir auf dem Plastikhocker in der Küche eine Spritze rein, Katzenscheiße auf dem Linoleum, Ray hängt über der Badewanne und kotzt, im Biograph Theater splittert das Glas.
Smog-Alarm in Cleveland. Schwarzer Müll neben dem Freeway, Massenkarambolagen, hustende Sanitäter, Rostschwaden fallen von der Eisenbahnbrücke.
Razzia im Buffalo Bill Hotel in Cody/Wyoming, als Jim Silver grade dabei ist, ein Kilo Shit in seinen Mantel einzunähen. Aus dem Klo zerren sie Lucy Bradshinkel, nackt bis auf ein Paar Reitstiefel, den Dildo noch im Arsch. «Muß dichtmachen», sagt sie ungerührt, «der Saft steht mir schon bis zum Hals.»
Auf dem verschneiten Bildschirm kommt das verzerrte Gesicht des Portiers aus Pasadena hoch, Kaugummifäden zwischen den braunen Zähnen … «Hello, my name is The Clash.»
Joe Colombos Tochter bekommt auf Kosten des Syndikats in Montevideo
Ballettstunden.
Der Agent legt die Zeitung neben sich auf den Sitz, um sich am Sack zu kratzen, ich sehe das AP wire photo von Fred Hurkos, der schon dem Würger voon Boston auf die Schliche gekommen ist, wie er jetzt im Wohnzimmer von Sharon Tate kauert und Witterung aufnimmt.
Wir fuhren auf der Küstenstraße 101 nach Süden bis zu dem baufälligen Haus am Strand von Marina del Ray, wo die Hell’s Angels gerade dem Sänger von Canned Heat mit der Fahrradkette einen neuen Scheitel zogen. «Entweder du lernst anständig singen, oder wir verfüttern dich an die Haie.» Großes Johoho, Klirren von Bierflaschen, Fürze die widerhallen in ausgeleierten Lederhosen. Freewheelin‘ Frank schiffte im Suff in die Verstärkeranlage und kriegte einen Schlag. Ich seh ihn noch, wie der dasteht, seinen verkohlten Schwanz in der Hand.
Dunkle Linie der Palmen entlang der Landzunge. Ölpest. Ein toter Albatross. Eine Ausgabe der Los Angeles Free Press treibt auf dem schwarzen Wasser: Lenny Bruce auf den Fliesen seines Badezimmers, die Augen verdreht, die Spritze noch im Arm.

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Eine Antwort zu Jürgen Ploog, Carl Weissner: Savannah mon amour (1974)

  1. Honolulu Joe schreibt:

    The two hit men are unbeatable! We want more!

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