Michele Necchi: Tiff ’n‘ Tina

Mit dem Schädel gegen die Wand bis zur Besinnungslosigkeit. Der klassische Tod in Gefangenschaft. Ausser Flipper. Der ertrank. Im Kreis schwimmend. Während die Veterinäre auf Selbstmord plädieren, wittert die Freizeitparkdirektion eine Verschwörung. Eine Aktion radikaler Tierschützer, die vor nichts zurückschrecken, sie beim potentiellem Publikum in Misskredit zu bringen. Der Umstand, dass neben dem entstellten Kadaver von Tiff die nackte Leiche der Trainerin Tina trieb, erhärtet den Verdacht.

Es ist einer der ersten warmen Frühlingsmorgen, als man die beiden findet. Pfingstdienstag. Seekuh Brutto, mit der Tiff und seine Artgenossen das Bassin teilen, mampft unbekümmert Fische. Früher hätte man die ganze Geschichte nach ein paar Wochen ad acta gelegt.

«Wir werden wohl nie erfahren …», die Stimme des Direktors versagt. Er trägt einen grünen Strickpullover, eine graue Hose mit Bügelfalten und blaue Crocs. Seine Frau, eine ältere, zierliche Französin, will ihn stützen, doch als er einen Teil seiner unanständig ungeheuren Masse auf ihre Schulter verlagert, bricht sie zusammen. Gemeinsam stürzen die beiden vom Rednerpult, er auf sie, aus anderthalb Metern Höhe. Was reicht, um das holde Geschöpf regelrecht platt zu machen.

In der ersten Reihe kriegt der eine oder andere ein paar Blutspritzer ab. Die Kinder, die gekommen sind, um ihren Lieblingsdelphin zu beweinen, kreischen, verwerfen die Hände und laufen wild durcheinander. Die kunstvoll arrangierten Blumenbouquets werden in den Asphalt gestampft. Die Highheels von Frau Direktor stuhlt es ab, aus einem Loch in ihren baren Füssen windet sich ein Mehlwurm und robbt sich unter die Tribüne in Sicherheit. Ein Eckzahnsplitter spickt just ins Auge des kleinen Tim, der fortan im Dorf als «Pirat Augenbinde» bekannt sein wird. Der Direktor taucht später als eines der ersten Todesopfer des berüchtigten «Choking Game» – eines autoerotischen Würgespiels für Jung und Alt – im helvetischen Raum in der Boulevardpresse auf.

Aber eben. «Wir werden wohl nie erfahren …» Das war gestern. Heute spähen elektronische Augen zwischen die Zeiträume der humanen Absenz. Rein in den Kontrollraum.

Die Wände sind weiss gekachelt, die äussere Umgebung feindlich. Alle Geräusche gedämpft, wie in Glas gepackt. Täglich wird er mehrmals für kurze Zeit herausgeholt. Fremde klatschen – johlen, wenn er erscheint. Ein guter Junge, der tut, was man ihn lehrte. Scheint zu lachen, wenn er weint. Die Welt in Schwarzweiss, 30 x 6 x 10 Meter, ertastet von einem biologischen Echolotsystem. Schallrückkoppelungen, die in den Wahnsinn treiben. Reeds Metal-Machine-Music in Underwaterworld.

«Spul mal zurück, Küde. Aber gaaaanz langsam.»

Tage und Nächte sind schäbig kopierte Dubletten. 8 Uhr Tagwacht, 9 Uhr Essen, 10 Uhr Action, 11 Uhr Action, 12 Uhr Essen, 13 Uhr Action, 14 Uhr Action 15 Uhr Action 16 Uhr Action 17 Uhr Action 18 Uhr Essen, 19 Uhr Lichterlöschen. Die Show ist vorbei. Keiner mehr da zum klatschen und johlen. Scheinwerfer prallen auf alles, was sich ihnen in den Weg stellt. Das Wasser schaukelt an der Oberfläche gemach hin und her. Von draussen schaut es aus, als hätte jemand einen durchsichtigen Gelée über eine Vertiefung gestrichen. Irgendwo findet das Leben statt. Irgendwo liegt ausserhalb.

Moira schmiegt sich an ihn. Sein Penis schwillt an. Er ist zweieinhalb Meter lang. Tiff lenkt ihn geschickt zwischen ihre Oberschenkel, auf ihren Bauch. Silbrig schimmernde Nacktheit. Ihre Körper reiben sich aneinander, scheinbar schwerelos, zwischen Grund und Himmel. Für zwanzig Sekunden so was wie Glück.

Tiffs und Tinas Körper treiben nebeneinander. Tinas langes, hennarotes Haar wie tausend Mikroantennen in jede Richtung mäandrierend. Chelmers holt Luft. Die Körper treiben nebeneinander. Brutto taucht auf, reisst lustlos ein Stück Fleisch aus Tinas Seite, kaut träge dran rum, stochert mit den Stosszähnen nach den Leichen, taucht ab. Die Körper treiben nebeneinander. Moira holt Luft. Die Körper treiben nebeneinander. Tiffs Körper ist weg. Tina liegt auf dem Wasser. Tinas Körper ist weg. Moira holt Luft. Tinas Körper taucht auf, Tiffs Körper taucht auf. Tina hält sich am Beckenrand, Kopf über Wasser, Unterleib darunter. Streichelt über Tiffs Kopf. Sein weit geöffneter Schnabel ist über ihre Scham gestülpt. Beim Heranzoomen blitzt die Zunge auf, die in sanften Bewegungen über ihren Venushügel schnellt. Tina bewegt sich rückwärts aus dem Pool, zieht sich an und geht, noch immer rückwärts, aus dem Blickwinkel der Kamera. Chelmers holt Luft.

«Ja, aber mit Menschen ist das was anderes», meinte Moira. «Tu, was du willst. Treib es mit Chelmers. Oder reib dich an … Brutto … ist mir scheissegal … aber nicht … sie. Verstehst du!?!»

«Was spielt sich in einem Kopf ab, der bloss weisse Kacheln kennt? Grund, Himmel, johlende Massen. Chrosende Feedbackgeräusche? Fremde, die Fische bringen, Tricks trainieren. Entwickelt man da so ne Art Stockholm-Syndrom?»

Vielleicht hätten sie den mit dem Heroin lassen sollen, aber als Tina ihm seinen ersten Schuss setzte, fühlte er sich grandios. Prächtiger noch als ob ihrer Liebe. War es seine Entscheidung? Halbwegs. Feuerwerk stieg unter der Wasseroberfläche, Goldregen rieselte auf den Grund. Begierde, die glühte, in ein Strohfeuer aufging. Liebe und Heroin arbeiten zusammen. Beide sind in ihrem ureignen Sinn «Painkiller».

«Was ging mit diesen Viechern? Was geschah unter der Wasseroberfläche?»
«Und Tina … ich fand die eigentlich schon noch scharf … die hätt ich schon … aber was sie mit Tiff abzog, das ist irgendwie … strub, gestört.»
«Man erzählt sich, dass Jascha, der alte Nachtwächter, alles wusste, aber sie Nacht für Nacht gewähren liess, weil sie Aufnahmen besass, die seine – sagen wir mal – Schwäche für präpubertäre Buben dokumentieren.»
«Im Vogelhaus soll der …»
«Willst du die Papageien sehen? – Ein todsicherer Treffer.»

Als Tiff das erste Mal eine Erektion bekam, während Tina mit ihm rumtollte, lachte sie dieses glockenhelle Lachen und strich beiläufig darüber. Sie schauten sich in die Augen. Unsicher, wie weit sie gehen konnten. Sie beide. Irgendwas loderte. Später umarmte sie ihn, liess ihn seinen Penis, der ihren Kopf  überragte, an ihrem Körper reiben. Nun besuchte ihn Tina Nacht für Nacht. Instinktiv sprang er aus dem Wasser hoch, sah sie von weitem kommen. Sie zog sich aus, setzte sich an den Beckenrand, sprang hinein. Sie turtelten, Tina streichelte ihn, er rieb sich an ihr, sie wollten sich gegenseitig verschlingen. Waren sie erschöpft, sprang er raus, glitt auf die Marmorfliesen am breiten Beckenrand. Sie setzte erst ihm, dann sich einen Schuss. Sie lagen da, nebeneinander, schauten die Sterne und den Mond an, «Dahin will ich mit dir schwimmen», Tina schien zu verstehen. Sie lächelte, sang eine warme Melodie.

«Ich hab mich eh gefragt, was ein studierter Anwalt als Aufseher in einem Kinderfreizeitpark verloren hat.»
«Irgendwann wurde er in die Nachtschicht verlegt. Das war schon ein wenig gschpässig.» «Eigentlich wussten es alle.»
«Meinst du, er hat sie gekillt?»

Diese Fremdheit unter seinesgleichen. Isolation, die Gedanken einfriert. Apathisches Dulden der eigenen Existenz. Zeit, die bloss vorbeizieht. Menschen, die kommen und gehen. Fisch geben oder keinen Fisch geben. Den Ring halten, durch den man springt. Auf einmal Tina. Er nannte sie so. Tina. Kommunikation durch Sprache war nicht möglich. Nicht nötig, denn es fehlte an nichts. Der Himmel riss auseinander, das Bassin hörte auf zu sein. Die Erde löste sich auf. Da waren weder Wasser noch Luft noch Feuer noch Erde. Nur sie.

«Durchaus plausibel … er hat sich durch den Zugang unter Wasser reingeschlichen und ihr, ausgerüstet mit einer Sauerstofflasche, aufgelauert?»
«Und der tote Delfin?»
«Vielleicht machte der Stunk? Würdest du ja auch, wenn jemand deine Liebhaberin attackierte.»
«Meinst du … die können sich verlieben? In Menschen? Und umgekehrt?»
«Ich weiss nur, dass sie von Natur aus polygam und bisexuell sind … Inzest keine Seltenheit ist … dass sie eigentlich alles anrammeln, was nicht bei drei auf den Bäumen ist.»

Eben war sie noch hier. Atmete. Lachte. Kreischte. Tollte mit ihm rum. Tina hielt sich an seiner Rückenflosse fest, sie tauchten bis auf den Grund. Dann kam Moira angeschnellt, wendete, pfefferte Tina mit aller Kraft ihre Schwanzflosse an den Kopf. Sie glitt von Tiffs Rücken. Er wollte sie hinauf an die Luft bugsieren; als er sie auf der Stirn hatte und nach oben tragen wollte, wendete Moira und griff an. Ein heftiger Kampf entfesselte sich, die anderen schauten teilnahmslos zu. Was ging sie das an? Wer jetzt noch kämpft, hat schon verloren. Als es zu spät war, liess Moira von ihm ab. Tinas Körper lag reglos auf dem Grund. Schön, vollkommen. Wie eben. In seinem Hormondurcheinander bekam Tiff einen Ständer. Er schwamm langsam auf sie zu, rieb seinen Kopf an ihrem. Rieb sein Schwanz an ihrem weissen Leib. Für n paar Sekunden … Schuss! Dann nahm er Anlauf und rammte seinen Kopf an die Wand. Machte noch weiter, als dieser bereits gar nicht mehr als solcher zu erkennen war.

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