Carl Weissner: Brief an Sinclair Beiles

(Sinclair Beiles war ein südafrikanischer Cutup-Autor; 1959 bei Olympia Press in Paris zuständig für die Erstausgabe von NAKED LUNCH)

30. März 1971

Dear Sinclair: Die Sahara ist bewässert. Was jetzt? Während Armeen von Hippies am San-Andreas-Graben knien und auf ein Zeichen warten. Es ist faszinierend, zu welchen Blödheiten der Mensch sich herabläßt.
Ich sehe, dein Botschafter hat sich bei der Junta in Athen für deine Freilassung und Repatriierung verwendet. Es war ja auch nicht nötig, noch weiter bei Wasser und Brot usw. , denn du hast in einer Fasson gepunktet, die dich bei den Trampern der Welt unsterblich macht. Pennyless in Greece? Haust du einfach im Hafen von Piräus dem nächsten Marineoffizier eine rein, wirst verhaftet und eingelocht – bingo! schon hast du ein Dach überm Kopf. Das merke ich mir für den Fall, dass ich mal in einer Hafenstadt ohne Peso 1 an der Ecke stehe und keinen Ankerplatz finde.
Im WDR Köln machen sie jetzt eine Drei-Stunden-Sendung über die Black Panthers. Ich bin als Übersetzer und Zitatsprecher dabei und darf seitenweise Huey Newton rezitieren: «We intend, within the confahns of the oppressor state, to stay armed to the teeth for decades! Centuries! …» Howgh.
Noch etwas: Du kannst mir eine Freude machen, indem du es unterläßt, alle möglichen Leute auf mich anzusetzen.
Da bekomme ich neulich von Paloma Picasso ein Briefchen in ihrer wunderschönen Handschrift, und was will sie? Daß ich was schreibe für ihre demnächst erscheinende europäische(!) Literaturzeitschrift.
Jetzt überleg mal. Sie ist knapp 21. Warum setzt du ihr solche Flausen ins Ohr? Im nächsten Moment geht sie zu Christian Lacroix und sagt: «Monsieur, ich möchte Schmuck für Sie entwerfen. Wenn’s recht ist.» Der Name öffnet Tür und Tor, mit dem Ergebnis, daß sie jede Woche drei oder vier neue Sachen anschiebt, und nie wird was daraus. Sag ihr, sie soll Mätresse von Salvador Dali werden. Ach, der hat schon eine? Na, dann eben nicht.
Ah – und schon wieder läßt du dich in ein englisches Irrenhaus einweisen (Wieso macht Annie diesen Scheiß mit? Ach nein, ich seh grade, daß dich diesmal dein Zahnarzt eingewiesen hat – how come? Ich wette, er kassiert einen Kickback.) bloß damit du in Ruhe ein Theaterstück in gereimten Versen schreiben kannst …
Sinclair, ich habe es schon mal gesagt und wiederhole es: Der fünfhebige Jambus ist nicht dein Freund. Und der gereimte schon gar nicht.
Laß die Finger davon und schreib wieder gutbezahlten Schweinkram für Maurice Girodias. Den werden wir dir in hündischer Verzückung aus der Hand fressen. Ein Erfolgserlebnis, auf das du nicht verzichten solltest.

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Eine Antwort zu Carl Weissner: Brief an Sinclair Beiles

  1. gerard bellaart schreibt:

    who was sinclair beiles
    here is an opportubity to correct your picture of the poet Sinclair Beiles.
    Gary Cummiskey
    Dye Hard Press, Po Box 783211, Sandton, 2146, South Africa
    http://dyehard-press.blogspot.com
    http://dyehardinterviews.blogspot.com
    http://whowassinclairbeiles.blogspot.com
    http://garycummiskey.deviantart.com
    Twitter:@GaryCummiskey

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