Jörg Fauser: 2 Briefe an Carl Weissner

München, 11. März 1980

Ich habe ja nie Germanistik studiert, aber deutschen Schreibern, zumal wenn sie Opfer des humanistischen Gymnasium geworden sind, muss eine bestimmte Problematik eingeboren sein. Ich habe also die ersten vierzig Seiten des Romans mit belletristischem Unfug gefüllt, dann selbst gemerkt, was los ist, und dann kam auch schon dein Brief.
Thanks a lot, War gut getimed. Habe mich am Riemen gerissen und bin jetzt wieder etwas mehr auf der Spur.
Nun konnte ich mich natürlich nicht beherrschen und habe Antje Ellermann von Rogner & Bernhard am Telefon von dem Brief erzählt (nicht zuletzt auch deshalb, weil sie und Landshoff ja dem Story-Band keinen großen Erfolg vorausgesagt hatten). Also, sie wollen den Brief, wenn das Buch kommt, irgendwie «verwerten» und werden dich deshalb anrufen. Sorry. Aber vielleicht ist es dir ja wurscht, und es nützt dem Buch.
Nächste Woche mache ich mich auf den Leidensweg, den der Romanheld, den ich kurzerhand Blum nenne, mit seinem Koffer voll Koks absolviert: Frankfurt – Ruhrpott – Friesland(?) – Amsterdam – Antwerpen – Ostende. Kann mich erinnern, dass Pierre Joris vor Jahren mal was von Westende erzählt hat – tote Möwen im Ölschlick – genau das Richtige. Vielleicht komme ich auf dem Rückweg bei dir vorbei.
Best, as ever – Harry.

Berlin, 30. April 1984

Falls du im nächsten TIP die Kolumne vermisst – sie ist nicht drin, weil der Verleger sein Veto eingelegt hat. Ich hatte mich für einen kleinen schmutzigen frz. Film stark gemacht, den der TIP verrissen hatte, musste also auch dem Blatt eine langen, das ging denen nun doch zu weit.
Vorläufig wird es von mir im TIP also nichts mehr geben; ich finde, irgendwo muss man die Grenze ziehen. Diese Verleger nehmen sich einfach zu wichtig, außerdem sind sie, wie Hemingway ganz richtig bemerkte, unsere natürlichen Feinde.
Die Pointe dabei ist, dass grade jetzt das Taschenbuch mit einem Haufen TIP-Artikeln erscheint (du müßtest demnächst eins bekommen).
Dieser läppische, aber symptomatische Vorfall läßt mich doch auf Distanz zu dieser Art Journalismus gehen; ich sage es auch deshalb, weil demnächst zufällig was von mir über Len Deighton im SPIEGEL steht; nicht dass du denkst, ich heuere dort als Kolumnist an (unter dem Pseudonym Harry Jens oder Daniel Gelb).
Eine gute Story ist mehr wert als 1000 Seiten ‚Tip‘ oder ‚Spiegel‘, aber das begreifen die Verleger nie. Und nicht nur die. Screw them.
Ich habe jetzt eine Balkonliege, wir könnten also immer abwechselnd sonnenbaden und dazu diese verdammt guten Martinis schlürfen, Marke unbefleckte Empfängnis, und dabei eine Dreierwette fürs Trabrennen austüfteln. Und ganz in der Nähe gibt es drei kleine schmutzige Kinos, die ganz gute Filme spielen. Wie wäre es im Juni?
Best – Harry.

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Eine Antwort zu Jörg Fauser: 2 Briefe an Carl Weissner

  1. Finn schreibt:

    Guter Beitrag. Schadet wohl nicht, sich mit der Thematik detailierter zu beschaeftigen. Ich werde bestimmt die weiteren Beitraege lesen.

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