«Ausgemistet – Gedichte 1989-2011» (Ausschnitte)

Von Florian Günther

Nachmittag und Abend

Ich wohnte noch bei meinen
Eltern, als mir jemand in den Fuß schoß;
nicht mit Absicht, sondern einfach,
weil wir rumgealbert hatten … Im OP-Saal brauchte es
drei Ärzte: zwei, die den
Schußkanal weiteten, und einen,
der in der kaum betäubten Wunde bohrte,
um die Kugel zu entfernen.

Als ich zurückkam,
grienten sie.

Na, wie wars, Flo?

Ich blickte auf,
sah das Licht in unserer
Wohnung brennen
und wußte: Das, was jetzt
kam, würde
schlimmer sein.

Erdbeernasen in die Politik!

Sie lungern
täglich
vor der alten
Kaufhalle herum.

Trinken
Schnaps und
sehen sich
die Leute an.

Den einen
kenne ich von
früher.

Na, Fjoori,
wat macht die
Schreiberei?

Frag sie
doch selber,
Ralf.

Breites
Grinsen.

Während
ich mir einen
Wagen hole,
höre ich
ihn sagen:

Der schreibt
Gedichte,
der Fjoori. Is
aber gar
kein schlechter
Kerl.

Ich gehe rein
und denke:

Würde der
gewählt, wären
wir alle aus
dem Schneider.

Treppenpaule

Er saß hinten am
Ofen, den
Hund unterm Tisch.

War nie was
anderes
als Pförtner.

Aber immer
n flotten
Spruch auf den
Lippen:

Lieber zehn
Russen
als einen Wessi!

Den mochten
sie alle.

Versehentlich im Widerstand

Irgendwann waren immer Wahlen.
Aber ich hatte es geschafft, 3 Tage lang trocken
zu bleiben, eine Kleinigkeit zu essen und
ein oder zwei Nächte
durchzuschlafen, trotz meiner
grauenhaften Alpträume, und fast
nicht mehr zu zittern.
Da klopfte es an die Tür.

Es ist gleich 18 Uhr, junger Mann!

Es war ein kleiner Wicht mit
Hut und einer abgewetzten Aktentasche
unterm Arm.

Ja und? fragte ich.

Ja und?

Wie?

Sie wissen
es wohl nicht?

Was denn?

Die Wahllokale
schließen gleich!

Ach so …?

Er sah mich
müde an. – Heute
werden die Kandidaten der
Nationalen Front
gewählt! Und es sollte doch wohl ihre Pflicht
als ein Bürger unseres Landes sein …

Ich warf die Tür zu
und beschloß,
wieder zu trinken.

Sonst wäre
ich heute Kanzler.

Zwei dicke Kumpel und noch etwas

Bodo und Holger waren
Nachbarn. Holger hatte eine Frau,
die er regelmäßig schlug. Dann
rannte sie zu Bodo, der sie vögelte
und anschließend
zurück zu Holger schickte.

Und? Hat ers dir besorgt?

Nein, Holger!
Du weißt doch, daß ich
so was
nicht mache! Ich würde nie …

Jaja, schon gut.
Komm jetzt.

Die Tür fiel hinter ihr ins
Schloß. Er packte sie,
drehte ihr den Arm nach hinten
und drückte ihn
nach oben, bis sie schrie.

Na, wie fühlt sich
das an, du Schlampe? Denkst
wohl, ich
bin blöde, was?

Am Abend saßen
sie zu dritt in Juhnkes Bierbar.

Holger lachte gern.
Bodo verstand
es wie kein Zweiter, die
Leute für sich einzunehmen,
und sie hieß Elke, glaube ich.

Frech wie Bolle

Da steht sie.
Kratzt sich den
Arsch
und lacht
kaugummikauend.

Schickt eine
Kußhand her, als
wäre nichts
gewesen, letzte Nacht.

Ein Weib
wie Blitz und
Donner.

Nie da, wo
man sie haben
will.

Jung,
selbstbewußt und
schlampig
wie ein
Tippelbruder.

Ich bücke
mich nach ihrem Slip.

Was hast n
damit vor?

Dem schmeiß
ich jetzt
zum Fenster raus.

Na, wegen mir.
Ich brauch den heute
eh nicht mehr.

Matze

Da is ne Beule inner Wand.
Bin ick mittm Kopp jegen jeknallt.
Hat jar nich wehjetan.
War nur verdutzt.
Icke.
Und fallen.
Det war mir neu.

Einer gegen alle
Für Ralph Gabriel

Er war schnell mal auf 180 und lag
ständig im Clinch mit allen.
Aber diesmal hatten sie ihn furchtbar zugerichtet.
Er hielt sich die linke Seite; bei jedem Wort
blubberten ihm rote Bläschen aus
Nase und Mund, und ein paar Zähne
hatte ihn das Ganze auch
gekostet.

Warum legst du dich
auch mit jedem an? fragte ich ihn.
Der Typ hat dir doch nichts
getan!

Das war n
Nazi, sagte er.
N ganz verschissener
Nazi …

Aber der allein
war doch schon dreimal so
groß
wie du!

Na und …?!

Ich reichte ihm ein
Taschentuch, aber was er
wirklich brauchte, war ein Arzt.
Und er war immer
noch ein
Spinner und
ein verdammter
Idiot.

Aber ich fing
an ihn zu mögen.

Fotzen

Sie kommt nicht. Es ist
das dritte Mal, und sie kommt
wieder nicht.

Sie ruft nicht an,
schreibt nicht, schickt
keine SMS.

Ein Freund von mir,
er hat hier unten
einen kleinen Zeitungsladen,
würde jetzt sagen:

Nimms ihr nicht
krumm, Alter. Frauen
sind halt so.

Dabei ist seine
ganz anders. Wenn die
sagt, daß
sie kommt, kann
man sich drauf verlassen.

Gespannte Ruhe

Als sich Stifter die
Kehle durchschnitt, mußte er noch
drei Tage ausharren, ehe
es ihn ereilte.

Als Fallada
mit dieser Rothaarigen
anbändelte, dachte
er, dies wäre der Beginn
einer wunderbaren Liebe, dabei
war es nur
der Anfang vom Ende.

Als der alte Jäger
in den kalten Lauf seiner
Schrotflinte
biß, hatte er Jahrzehnte
hinter sich, in denen er nichts
anderes getan hatte, als einen Schriftsteller
namens Hemingway
zu mimen.

Als Scott Fitzgerald
auf den Boden
seiner letzten Flasche sank, war
er so unbekannt wie ich.

Der Tod ist
unberechenbar und
launisch. Und vielleicht steht
er ja schon im Flur,
während ich hier meine
Sachen tippe.

Doch irgend etwas
hält ihn noch zurück.

Lesung mit dem letzten Beatnik
Für Hadayatullah Hübsch † 2011

Hadayatullah las als Erster,
und ich stand draußen
vor der Kneipe
und kotzte mir die Seele aus dem Leib.

Hinter mir blieb
einer stehen:
Oh Gott, wie entsetzlich …

Was? Ich drehte
mich um. Ich muß hier
gleich lesen …

Der Mann ging weg.

Hadayatullah las
noch immer,
und er klang wie ein Beatnik
auf deutsch, und ich
dachte, lies, Kumpel, lies,
vielleicht
vergessen sie mich ja!

Doch dann war plötzlich
Schluß. Ich hörte,
wie sie meinen Namen riefen,
und sofort kam es mir
noch mal hoch …

Ich fand ein Taschentuch,
wischte mir
Mund und Schuhe ab,
ging da rein und setzte mich ans
Mikrofon.

Falsche Besetzung

Ich lese ihren Namen auf dem kleinen
Plastikschild an ihrem Kittel, betrachte ihr Gesicht und
ihre abgekauten Fingernägel, während ich mich
frage: Warum spielt sie nicht
die Hauptrolle
in Woody Allens neuem Film?

Das Band kennt kein
Pardon: Butter, Eier, Socken, Wein, Windeln…

Ich rücke vor.
Sie blickt kurz auf
und lächelt.

Hi.

Hallo, sage ich
möglichst freundlich,
alles o.k.?

Ihr Lächeln
verschwindet. Während
ich zahle, drängelt
schon
der Nächste.

Bohnen, Gurken, Hundefutter, Eis …

Ich gehe raus.
Werfe meinen Einkauf
in den Kofferraum
und denke:

Für mich ist sie ein Star.
Und das, was Woody Allen
dafür hält, sollte
eigentlich da drinnen an der Kasse
sitzen.

Das Ende der fröhlichen Peggy

Sie war Kellnerin ganz hier
in der Nähe. Und ihr
Arsch wog mehr als der
Rest ihres gewaltigen Körpers.

Für einen Doppelten
hob sie den Rock.
Für zwei schob sie den
Schlüpfer zur Seite …

Eine Seele von Mensch.
Immer gut gelaunt,
nie ein garstiges Wort.

Und nun fand man
sie tot an einer
Bushaltestelle. Mit einem
Kantholz erschlagen.

Von einem, der
keinen Spaß verstand.

6 Stunden

Früh um halb sechs
aufgewacht
und nicht wieder
eingeschlafen. Noch sechs
Stunden.

Kaffee gekocht.
Fernseher
an. Noch fünf.

Idee für ein Gedicht.
Ein zweites und ein drittes.
Vier.

Sollte ich mir
einen runterholen?

Keine Lust.
Zum Vögeln auch nicht.
Die Hälfte ist geschafft, aber
immer noch drei.

Ein Anruf.
Ein Streit. Ein Fluch.
Noch zwei.

Blick aus dem
Fenster.
Lange. Eine.

Gehe runter zu
Matze, der
eine Schwalbe repariert.
Schlag elf Uhr
dreißig öffnet die
Budike.

Der Chef steht
hinterm Tresen. Klagt
wie immer über seine Mutter.
Kalauert, kneift der
Putzfrau (seiner heimlichen Liebe)
in den Arsch
und zapft mir ein
Bier.

Dann steht es da!

Ich setze an,
trinke und lehne mich
zurück.

Parterre

Es riecht
nach Sauerbraten, Kinder
kreischen im Hof, der Alte von
ganz oben schlurft,
die Zeitung unterm Arm,
die Treppe rauf.

Friedrichshain.
80er Jahre.
Ein Bulle klopft an
die Tür.

Waren Sie das?

Was?

Die Sauerei da im
Eingang. Das Gekotze.

Kann nicht sein,
Herr Wachtmeister.
Ich hab seit
Jahren
nicht gekotzt.

Sie lügen doch!

Nich, wenns
um solche Sachen
geht!

Und sonst?

Sonst bin
ich auf Arbeit.

Der Bulle lacht.
Ich schließe
die Tür und sehe
ihn vom Fenster aus die
Straße überqueren.

Es war nicht
alles schlecht.

Aus: «Ausgemistet – Gedichte 1989-2011», Verlag Peter Engstler, mit einem Nachwort von Hermann Peter Piwitt.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Florian Günther veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s