Still jetzt! Befreien Sie Syntax und Semantik! – Axel Monte und Jürgen Ploog begreifen Sprache als Virus

Von Marvin Chlada

«Open your eyes, time to wake up! Enough is enough is enough is enough!»
Chumbawamba

Zu den merkwürdigsten Orten, die uns die Literatur der 60er Jahre bescherte, gehört die «Academy 23» von William S. Burroughs. Dieser imaginäre Ort, eine der letzten grossen Utopien des 20. Jahrhunderts, stellt eine Schule des Widerstandes dar. Die Absolventen lernen, der Sprache zu misstrauen und diese gegen die Sprache selbst zu richten oder aufzugeben – mit dem Ziel, sich (und die Welt) vom Wortmüll zu befreien.

In dieser postmodernen Variante der pädagogischen Provinz bedienen sich die Schüler eigenartiger, jedoch mehr oder weniger leicht zugänglicher Waffen: dem Cut-up, den Drogen und der Stille. Letztere bildet das eigentliche Thema einer Kunst, in der sich Comic-Strip, Sound, Film und Text treffen, überlagern und schliesslich wieder trennen, um neue Verbindungen zu knüpfen. Allerdings muss lange graben, wer durch das Beat- und Popspektakel hindurch den Kern dieser «Anti-Kunst» freilegen möchte. Burroughs‘ Wunsch, gegen das Virus Sprache das «Stillevirus» zu aktivieren zieht sich durch dessen gesamtes Werk, vor allem in «Nova Express» (1964) und «The Job» (1969). Rolf Dieter Brinkmann, der Burroughs‘ Gedanken zur «Academy 23» in seine legendäre, zusammen mit Ralf-Rainer Rygulla herausgegebene Anthologie «Acid» (1969) aufnahm, prägte die Formel: «Widerstand beginnt mit der Fähigkeit zur Stille». Im Comic ist es «Phoebe Zeit-Geist» (1968), deren nackter Körper, ausgeliefert und geschunden gegen Reklametafeln knallt und diese dabei zerstört (um dahinter vorerst das kapitalistische Nichts, die Wüste der gnadenlosen Barbarei zu offenbaren). Das Kino unternimmt mit «2001 – A Space Odyssey» (1968) die Reise in eine bis dahin unbekannte Bilderwelt, die Verwandlung mit eingeschlossen. Und schliesslich wäre da noch die Musik, der «reine Sound», den John Cage in Szene setzt, indem er mit der traditionellen Vorstellung von Klang- und Tonstruktur bricht.

Nun erzeugt die Sprache weitaus mehr als Worte und «Bilder». Sie erzeugt in erster Linie Konditionierungen, geistig wie körperlich, kurz: Sprache ist ein Instrument der Kontrolle. Das, was kritische Geister «Kontrollgesellschaften» zu nennen pflegen, meint nicht weniger als die postmodernen Systeme totaler Kommunikation. Und damit totale Überwachung – mittels und vor allem durch die Sprache und ihre Regulierungen (von «Informationsgesellschaften» spricht lediglich der Zyniker). Es ist das Verdienst von Burroughs, die Entwicklung und Verbreitung der Sprachviren, ihre Manipulationen und Mutationen bereits früh analysiert und die Grundlagen für eine Kommunikationsguerilla gelegt zu haben. Das Cut-up antwortet der Ordnung des Wortes (dem «Sinn») durch seine (zufällige) Neukombination, das Tonband kann ein Ereignis in einem völlig neuen Kontext präsentieren (z. B. Wahlkampfparolen im Zoo) usw.

Axel Monte und Jürgen Ploog, zwei erfolgreiche Absolventen der «Academy 23», haben im Anschluss an Burroughs und Cage ein Buch vorgelegt, das dem Virus Sprache ein weiteres Mal auf den Leib rückt. Während sich Ploog in seinem Text «Wortraum – Zur Topik der Sprache» dem Schreiben, der Digitalisierung und dem Klang alter Schallplatten widmet, indem er einen Gang durch das Labyrinth alltäglicher sowie virtueller Welten antritt und dabei auf allerlei Komplizen trifft (z. B. Hakim Bey und Paul Virilio), wird dieser Text von Monte in vierundfünfzig Mesostichen gebrochen – eine Methode, die Cage erstmals bei Texten von James Joyce angewendet hat (die er später vertonte). Doch werden hier Techniken nicht einfach übernommen oder gar kopiert, nein: sie werden modifiziert und permanent variiert («Entkolonialisierung von Syntax & Semantik»). Denn, so erklärt Monte im Vorwort, man dürfe nicht so naiv sein und glauben, das Cut-up allein könne die tief verwurzelten Konditionierungen aufbrechen. Es kann nur darum gehen, den Wortstrom zu unterbrechen, ihn zu schneiden: «Wir haben nichts zu verlieren als das Revier vertrauten Verhaltens. Die Fremdheit der grauen Zellen: Potemkinsche Dörfer in Echtzeit.» Insofern trifft Ploogs Formel von den Partisanen des Schweigens sehr gut die Intention der beiden Wortarbeiter: «Ich brauche Widersacher. Wenn sie nicht in Erscheinung treten, erfinde ich sie.» Was beide Texte tatsächlich verbindet, ist die Aufforderung, endlich aufzuwachen – ein Thema, das sich von der ersten Strophe der «Internationale» bis hin zu Morpheus‘ Belehrungen im Blockbuster «The Matrix» erstreckt.

Allerdings bezieht sich das «wake up!» in den Texten von Monte und Ploog nicht allein auf ein Aussen, etwa auf eine repressive Institution (traditionelle Herrschaft) oder ein vorgeschobenes Trugbild (Medien), im Gegenteil: Monte und Ploog setzen ihr Skalpell inmitten der Macht und der Simulation, d. h. der Sprache selbst an, um diese von innen heraus zum Schweigen zu bringen und gleichsam neue, herrschaftsfreie Orte zu schaffen bzw. zu eröffnen. Eine Reise ins Unbekannte. Doch ist es an der Zeit, weitaus mehr solcher Experimente und Expeditionen zu wagen: «Worte eines alphabetischen Herdentieres bedeuten wenig. Kollektive Paranoia der elektronischen Fraktalisierung. Die Abkehr vom Mainstream seziert die gewohnte Struktur. Cut-up als Bewußtsein.»

Text aus junge Welt, 29. 01. 2004

Axel Monte / Jürgen Ploog: Sprache ist ein Virus, PO EM PRESS: Pentling 2003, 12 Euro, www.poempress.de.vu

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Marvin Chlada veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s