Elektronischer Multi-Media-Schamanismus – Ira Cohen, der Agent des alternativen Kosmos

«Tod ist die Handelsware des kapitalistischen Staats.»
Ira Cohen, Brief an Kaliban

Von Marvin Chlada & Boris Kerenski

Wer in den Werken zur Geschichte der Beat-Generation blättert, dem begegnet Ira Cohen zum einen als Autor des bis dato immer wieder aufgelegten Hashish-Cookbook, das er 1966 unter dem Decknamen «Panama Rose» erstmals herausgab & zum anderen als experimenteller Fotograf & Erfinder der Zerrspiegeltechnik. Cohen portraitierte nicht nur Jimi Hendrix, William S. Burroughs & Bill Laswell, sondern hat auch als Landschaftsfotograf ein umfangreiches Werk mit Aufnahmen aus Marokko, Nepal & Äthiopien vorzuweisen, das in Magazinen wie Nexus, Rolling Stone, Life oder Wire regelmässig veröffentlicht wird & in Ausstellungen u. a. in New York, Los Angeles, Brüssel, Paris, Amsterdam & anderswo zu sehen war.

Als «Beat-Legende» möchte der am 3. Februar 1935 in New York City als Sohn (tauber) jüdischer Eltern geborene Künstler allerdings nicht bezeichnet werden, zumal er als Dichter in keiner der wichtigen Beat-Anthologien zu finden ist & sich auch nicht als Beatnik fühlt: »Ich bin kein Beat, ich bin ein elektronischer Multi-Media-Schamane», sagt Cohen, der trotz oder gerade wegen seiner vielfältigen künstlerischen Tätigkeiten, im besten Sinne des Wortes «Underground» geblieben ist & weit mehr zu bieten hat, als sein Name im Zusammenhang mit Allen Ginsberg & Co vermuten lässt.

Cohen ist Kosmopolit, eifriger Sammler & Archivar so genannter Weltmusik, Filmemacher, der das Living Theatre begleitete, Herausgeber diverser Anthologien & Zeitschriften, wie dem legendären Gnaoua-Magazin, das er in den 60er Jahren in Tanger edierte, als er sich im Kreis um Paul Bowles bewegte. Auch bibliophile Erstausgaben gab Cohen heraus. So betrieb er beispielsweise in den 70er Jahren die Reispapier-Presse Bardo Matrix in Katmandu & veröffentlichte Lyrik von Charles Henri Ford bis Gregory Corso. Die in Kleinstauflagen erschienenen Ausgaben findet man fast nur noch in Bibliotheken oder Sammlungen, wie beispielsweise dem Archiv Sohm in der Stuttgarter Staatsgalerie.

Sich selbst pflegt Cohen als «Agent des alternativen Kosmos» zu bezeichnen: «Ich mache die Dinge nur, weil ich sie machen will, weil es mir Freude macht, & wenn es den Leuten die Möglichkeit gibt, die letzte Flöte aus den entferntesten Regionen zu hören, dann ist das grossartig. Ich stelle nicht einfach Sachen ins Geschäft, um sie zu verkaufen – ich mache keine Sachen für den Verkauf. Ich finde auch nicht, dass bei einem Künstler gute Sachen rauskommen, wenn man den Kommerz im Auge hat. Wenn das die Leitlinie wird, wie in der so genannten New Yorker Kunstszene, bekommt man nur mehr & mehr Mist.»

Glauben wir Cohen, dann ist eine ganze Kunst-Dekade gerade deshalb ignoriert worden, weil die Beat-Generation im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses stand. «All das, was wirklich passiert, geschieht doch meist im Verborgenen, in den Laboratorien der Kunst. Die wahren Magier lassen sich doch nicht von der Tagespresse verwursten. Und jetzt wird die Beat-Generation gnadenlos vermarktet, bis das letzte Jack-Kerouac-T-Shirt verkauft ist. Ich wollte der Beat-Generation gegenüber nie so kritisch sein, denn die guten Arbeiten sind wichtig & wertvoll. Aber jetzt ist etwas anderes daraus geworden. Ich glaube, wir müssen da mal ein bisschen aufräumen.»

Cohens Werk lässt sich einzig an seiner Intensität messen, einer Intensität freilich, wie sie vor ihm nur Walt Whitman hatte (wenn man überhaupt einen Vergleich gelten lassen möchte). Denn wie Whitman, ist auch Cohen mit einem ausgeprägten Gefühl für das Fragmentarische ständig dabei, neue Reflektionen von lebendigen Beziehungen zu schaffen: «Die spontanen Fragmente: Die bildet das Element, durch das hindurch – oder in dessen Intervallen – man zu den grossen reflektierten Erfahrungen des Sehens & Hörens in der Natur & in der Geschichte gelangt.» (Gilles Deleuze)

Wie kein zweiter versteht es der von Dante bis Carroll, Artaud & Gysin, weit mehr noch durch die von ihm besuchten Länder (vor allem Nepal & Marokko) tief geprägte Cohen, den unbeschreiblichsten Winkeln & vergessenen Gettos dieser Welt etwas von jener Würde zurückzugeben, die wir die Schönheit & Freude am Leben nennen – & das, ohne zu verklären. Im Gegenteil: seine Poems sind Anklagen, geschrieben im Geist einer Subjektivität, welche Bilder erzeugt, die einem das Elend wie auch das Glück vom Kopf direkt in den Bauch zu treiben vermag – Bilder, die den Leser in einer Kette von Assoziationen zwischen Traum, Meditation, Politik & Liebe noch lange nach der Lektüre begleiten: «Stell dir vor was immer du willst aber wisse: es ist nicht / Vorstellungskraft die Poesie erschafft sondern Erfahrung / & hinter jedem Wort steckt etwas / das ich dir sagen möchte / etwas das wirklich geschah.»

Nein, Cohen lässt sich gewiss in keine Schublade stecken, was dazu geführt hat, dass er sich seinen Namen ausschliesslich in der «geheimen Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts» (Greil Marcus) hat machen können – alles andere wäre ihm ohnehin nicht wichtig gewesen. Zu vielfältig ist sein Stil & seine Methodik, zu weit reichen seine Antennen, die über die Natur & Geschichte vor allem das Hier & Jetzt, die «elektrische Finsternis», das «Nachtmeer» auskundschaften. «Die Gegenwart», wusste bereits Rolf Dieter Brinkmann, «stellt nur einen Sinn in ihrem Begriff dar, der äusserst profan ist & daher radikal: nämlich Zukunft werden zu wollen.» In diesem Sinne ist bei Cohen die Gegenwart & mit ihr der Begriff Zeitgeist positiv besetzt & gewendet, wie heissen: da hat einer geschrieben, hat jemand etwas aufgezeichnet, der die Zeichen & den Geist der Zeit in Worte & Begriffe fasst, um diese weiter in Richtung einer möglichen Zukunft zu treiben. Denn wie die Zukunft, so ist auch die Gegenwart keineswegs sicher, wie Cohen in seinem Gedicht Plateau betont: «Die Grenze zwischen Vergangenheit & Zukunft / ist jetzt, ein Drahtseil, eine Schneide / ein nie festzuhaltender Punkt.»

Dieser bärtige Kerl ist im wahrsten Sinne unzeitgemäss & allein darum schon in einem permanenten Prozess des Werdens begriffen, der vom Prozess des Schreibens nicht getrennt werden kann. «Im Schreiben geschieht ein Frau-Werden, ein Tier- oder Pflanze-Werden, ein Molekül-Werden bis hin zum Unsichtbar-Werden», sagt Gilles Deleuze. Und Cohen bestätigt: «Wenn man etwas beschreibt, muss man den Geist des Beschriebenen annehmen. Wenn du eine Katze körperlich beschreibst, wirst du wie eine Katze.»
Egal, ob er mit Leonardo in der Badewanne sitzt, Impressionen aus Katmandu zwitschert, mit Peter Pan auf Reisen geht, Frankenstein entzaubert, den Cyberspace zum (kritischen) Thema macht oder Popeye zitiert: Cohen ist das, was er seinen Lesern empfiehlt zu sein: «Bleib Nomade & fahr weiter.»

Cohen, der Nomade, erzählt keine grossen Geschichte. Es sind die kleinen Geschichten, die er zu riesigen Ereignissen macht, zu Ereignissen, welche die grosse Geschichte (die immer die Geschichte der Sieger ist) sprengt zugunsten einer Geographie, die Licht hinter die giftigen Masken & in die staubigen Hütten & kalten Höhlen wirft. «O Komm zur Ruhe, Majoun Reisender / Ich bin der letzte Geschichtenerzähler / der den Tod der Sklaverei vorzog / der Guerilla-Kriegern Amnestie gewährte / in den Hügeln des Rifs, allen verlorenen Stämmen / allen Häuptlingen der Wüste / im fernen Exil.»

Dort, in dieser weiten Landschaft vermögen wir Stimmen & Töne zu hören, die uns vorher fremd waren & Bilder zu sehen, deren Farben keine Namen haben. Es ist ein warmes Licht, das Cohen wirft, dessen Energie aus dem von ihm beschworenen «alternativen Kosmos» gespeist wird, um den Weg in einen uns unbekannten Wortraum zu weisen: «Lasst aus dem Tanz den Tänzer ausbrechen / Lasst die Wörter sich von der Seite schwingen / Nächstes Mal beginne wir / mit einem Kopfstand.»

Wir danken Florian Vetsch für Infos & kritische Anmerkungen

Text aus: Alles Pop? Kapitalismus & Subversion. Hrsg. von Marvin Chlada, Gerd Dembowski & Denis Ünlü, Alibri: Aschaffenburg 2003, S. 114-118

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