Das nepalesische Reispapier-Abenteuer von Ira Cohen – Eine Episode aus der Geschichte der Undergroundpresse

Von Marvin Chlada

Hierzulande ist der New Yorker Dichter, Fotograf und Filmemacher Ira Cohen (1935-2011) allem voran bekannt als «Panama Rose». Unter diesem Namen hatte Cohen 1966 in Tanger den Underground-Bestseller The Hashish Cookbook verfasst, dessen deutschsprachige Ausgabe bereits zwei Jahre darauf ohne Angabe des Druckorts von der «Schitt Press» vertrieben wurde. Reprints und Raubdrucke der schmalen Rezeptsammlung zirkulieren bis heute in der Szene.

Ira Cohen verschlug es Anfang der 1960er Jahre nach Tanger, wo er mitunter die Beat-Poeten William. S. Burroughs, Paul Bowles und Brion Gysin kennen und schätzen lernte. Das von Gysin zur Textproduktion entwickelte Verfahren des «cut up» wurde von Cohen in den folgenden Jahren variiert und verfeinert. Seine literarischen Techniken sind u. a. als «sieve» bekannt geworden. Dabei werden Wörter durch Papierschlitze «gesiebt», so wie man Kif siebt, um Hasch zu pressen.

Trotzdem er mit namhaften Köpfen der Beat-Generation kontinuierlich zusammengearbeitet hat, lässt sich Cohens umfangreiches Werk nur bedingt unter dem Schlagwort «Beat» verorten. Sein vielfältiges Schaffen schöpft aus zahlreichen Quellen, wobei Dada- und Surrealismus samt derer Ahnen (Carroll, Rimbaud) ohne Zweifel zu den inspirierendsten Traditionen zählen, die Cohen sich anzueignen und fortzuführen wusste. Kein Wunder also, dass bereits The Hashish Cookbook streckenweise wie eine Hommage an André Bretons Anthologie des Schwarzen Humors sich lesen lässt. Für die Zubereitung von «Faruk’s Pimmel» (Bananen-Hasch) etwa, werden sechs von einem Puertoricaner handgepflückte Babybananen und eine Prise «brown sugar» empfohlen. Um eine wirksame «Black Sabbath Salue» zu kreieren, kommen neben 250 Gramm Schlafmohnblüten, 100 Gramm Weizen und 260 Gramm indischen Hanf u. a. gar 100 Gramm Menschenfett zum Einsatz. Allerdings darf die Salbe auf keinen Fall verzehrt werden. Muss auch nicht. Das Bepinseln von Handballen, Fusssohlen oder Kehlkopf reicht für eine grosse Zusammenkunft vollkommen aus. Zu beachten freilich ist, dass nach der Zeremonie der Körper gründlich gereinigt und zur Regeneration mit reichlich Vaseline eingecremt wird.

Kurz nach der Publikation von The Hashish Cookbook verlässt Ira Cohen Marokko um über Amsterdam nach New York zurückzukehren. Dort wird er u. a. fotographische Portraits von Bill Laswell, Jimi Hendrix oder Pharao Sanders mit einer von ihm entwickelten Zerrspiegeltechnik («Mylar-Technik») erstellen und den Film Paradise Now über die gleichnamige USA-Tournee des Living Theaters produzieren. Zusammen mit der Berliner Schauspielerin Petra Vogt, die lange Zeit für das Living Theater tätig war, macht Cohen sich Anfang 1970 wieder auf die Reise: «Plötzlich waren die Sixties vorbei, und so beschlossen wir eine richtige Reise zu machen, mit Indien und Nepal als Reiseziel. Nach vielen Monaten unterwegs fanden wir schliesslich nach Kathmandu. Wir beabsichtigten zwar lediglich, dem Ort einen kurzen Besuch abzustatten, verfielen aber dem Zauber dieses Shangri-La im Himalaya, wo es uns leicht fiel zu glauben, dass wir, solange wir dort lebten, für immer jung bleiben und Gedichte schreiben würden.»

Schnell bildet sich eine illustre Künstlerkolonie, der neben Cohen und Vogt u. a. auch der Dichter, Kalligraph und Musiker Angus MacLise, ehemaliger Percussionist der New Yorker Formation Velvet Underground, angehören. In Kathmandu wird Ira Cohen zwischen 1974 bis 1979 den Kleinverlag «Bardo Matrix» betreiben, wo u. a. Texte von Charles Henri Ford oder Gregory Corso auf Reispapier gedruckt und handbemalt als bibliophile Erstausgaben in Kleinstauflage erscheinen. Dass der Satz u. a. von Nepalesen ohne nennenswerte Englischkenntnise besorgt wird, verleiht dem Projekt zusätzlichen Reiz. Heute findet man die raren Exemplare fast nur noch in Sammlungen und Bibliotheken. Oder, mit etwas Glück, im Antiquariat, wo sie zwischen 90 und 400 Euro gehandelt werden.

Über das «Great Rice Paper Adventure» und seine Zeit in Kathmandu hat Cohen 1995 einen Artikel für New Observations verfasst, der nun von Florian Vetsch ins Deutsche übertragen und herausgegeben wurde. Neben Cohens Erinnerungen enthält der Band eine detaillierte Bibliographie aller bei «Bardo Matrix» erschienenen Bücher, Hefte und Einblattdrucke sowie ein Nachwort des Herausgebers, der ein persönliches, überaus informatives Portrait seines im April 2011 verstorbenen Freundes Ira Cohen zeichnet.

Aus: DER METZGER Nr. 97/2011

Ira Cohen: Das grosse Reispapier-Abenteuer von Kathmandu. Aus dem Amerikanischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Florian Vetsch, Books Ex Oriente 2011, 28 Seiten, Euro 9,50, ISBN 978-3-9813130-9-3, http://www.books-ex-oriente.com

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