Bekaa-Tal-Express

Von Alfred Hackensberger

Es war ein Sonntagmorgen im Februar, an dem man besser im Bett bleibt. Vom Balkon im fünften Stock aus dunkle, schwarzgraue Wolken, die vom Meer auf Beirut zutrudelten. Der Wind schlug den Regen an die Fenster, als würde Gott im Himmel gerade seine Morgentoilette erledigen. Kurz nach sieben band ich mir die Schuhe und fluchte in einer dunklen, eiskalten Wohnung, die wie alle in Beirut keine Heizung hatte.
Wie musste das Wetter erst in den Bergen sein? Elendig werden wir im Schnee stecken bleiben, wenn wir überhaupt auf die Passtrasse kommen. Ewige Stunden in der Kälte, statt bis Mittag unter der warmen Decke liegen. Aber Olaf, der Dicke, hatte darauf bestanden. Wir fahren, egal was kommt, hatte er gestern abends am Telefon gesagt. Nichts wird aufgeschoben, mein Freund. Mal sehen, wie weit wir kommen.
George, der Fahrer, hatte einige Joints vorgedreht, die in der ersten halbe Stunde die kaputte Heizung im Auto ersetzten. George ließ das Fenster auf, für den Fall der Fälle, sagte er. Der Fall der Fälle kam in Form eines Polizisten, der mit grauer Regenkombi, die Kapuze tief ins Gesicht, mitten im Schneetreiben auf der Strasse stand. George drückte seinen Joint zwischen den Fingern aus. Der Polizist winkte uns an den Straßenrand, wo schon einige Autos standen, umringt von einem Heer von syrischen Hilfsarbeitern.
Schneeketten, sagte der Polizist auch zu uns und deutete mit dem Finger auf die Hinterreifen. Natürlich hatte George keine Schneeketten. Er musste erst los, welche in der improvisierten Schneekettenabteilung eines nahen Lebensmittelladens zu kaufen. Er brachte zweimal die falschen, mampfte dazu ungerührt jedes Mal einen neuen, matschigen Fertigkuchen aus der Plastikfolie. Nach seinen Anweisungen legten zwei syrische Hiwis mit bloßen Händen die Ketten um die Reifen.
Gut eine dreiviertel Stunde dauerte der Zwischenstopp, ein Warten in der nasswindigen Kälte einer Landstrasse. Dann kroch der alte Benz im Schneematsch langsam die Steigung hoch, auf der anderen Seite eine Rutschpartie hinunter. Nach fünf, sechs Kilometern konnten wir die Schneeketten runter nehmen. Besser gesagt, George ließ sie an einer Tankstelle runter nehmen.
Kurz darauf das Bekaa-Tal, wie es weit und breit da lag. Unter der Schneedecke schimmerte es braun und dunkelgrün. Da sind wir, sagte George und zündete einen neuen, seiner vorfabrizierten Joints an. Die Strasse führte einfach immer gerade aus, mitten durch die Ebene. Links und rechts Häuser, Dörfer, alle gleich graubraun, wenig einladend. Vielleicht lag es daran, dass kein Mensch zu sehen war.
Irgendwann sagte George, da ist Sahle. Er zeige mit dem Finger auf eine Gruppe von Häusern, die im selben Moment wieder verschwunden waren. Da habe ich gewohnt. Das Haus meiner Eltern. Inzwischen alles verkauft. Damals kannte ich jede Hure von Sahle bis nach Beirut. Er lachte.
Meine Zehen begannen abzusterben. Vom kleinen bis zum großen wurde einer nach dem anderen taub. Ich zog die Schuhe aus, massierte erst den linken, dann den rechten Fuß, um sie am Leben zu erhalten. Danach wackelte ich an den Zehen, als wären sie kaputte Schalter. Der Fahrtwind blies durch die Lüftung, die man nicht abschalten konnte. George sagte, das Auto ist für die Stadt gedacht, nicht für Schnee.
Erst als ich meine Füße einfach vergaß, wurde alles schlagartig besser.
Wohin fahren wir eigentlich, fragte Olaf.
Nach Britel?, gab ich an George weiter.
Ich weiß etwas Besseres, sagte dieser und bog von der Hauptstrasse rechts, in ein scheinbares Niemandsland ohne Verkehrszeichen und Ortsschilder.
Zuerst sah es so aus, als kannte er den Weg. Selbstsicher fuhr er links, dann rechts, nach einer langen Kurve wieder rechts. Wir hielten in einem Hof einer großen Villa. George stieg aus und fragte eine alte Frau, die die Tür aufgemacht hatte. Danach passierten wir zweimal ein größeres Anwesen, mit Garage und Garten. Beim dritten Mal stoppte George und hupte mehrfach. Nach einer Weile, sagte er, keiner zuhause. Wir warteten zwei Zigarettenlängen und einen Joint, bis ein Landrover mit Großfamilie anrollte. George stieg aus, wurde mit Kuesschen rechts, links und wieder rechts begrüßt. Alle lachten.
Alles klar, sagt George, als er sich wieder ins Auto setzte. Sie geben uns einen Jungen mit, der uns zum Haus bringt. Wir müssen nur ein wenig warten.
Die Oma der Familie winkte uns grinsend zu. Aber Olaf wollte oder konnte auch nicht warten. Er hatte einen Friedhof gesehen und war mit seiner Leica um die Brust geschnallt, losgezogen. Der Junge saß schon bei uns im Auto, als Olaf zurückkam. Geile Fotos gemacht. Friedhof im Schnee. Plötzlich winkte wieder die Oma aus dem Küchenfenster. Verpisst euch, rief die alte Dame mit Kopftuch. Aber schnell. Der Junge sagte, schön kalt in eurem Auto. Nichts für mich. Und die Kamera gefällt mir auch nicht. Seine Augen hatten so große Hoffnungen gemacht.
George startete den Wagen. Nichts wie weg. Wir können froh sein, dass sie nicht auf uns schießen. Er gab Gas und war erleichtert, als wir die lange Kurve, diesmal nach links, hinter uns hatten.
Was für ein Arschloch, sagte ich zu Olaf, der pikiert mit seiner Leica über dem dicken Bauch auf der Hinterbank saß. Keine Wunder, dass du im Jugoslawienkrieg eine Granate abbekommen hast. Haste da wohl auch ein geiles Foto gemacht?
George fuhr ohne ein Wort zurück auf die Hauptstrasse.
Wir fahren zu Zuhair, sagte er. Dort wird es euch bestimmt gefallen. Er war mein Nachbar in Sahle.
Im nächsten Dorf wurde erst einmal vor einer Metzgerei gehalten. Zwei Uhr, Zeit zum Mittagessen, George bestellte ein Kilo Lahme Barshin.
Wir schauten zu, wie sie auf den heißen Steinfließen brutzelten. Im Laden stand ein kleiner Petroleumofen, dessen Rohr durch ein Loch im Fenster hinausging. Wir standen in einer lauen Wärme mit dem Geruch von verbranntem Teig, kauten an den Fladen mit Hackfleisch, während es draußen weiter und weiter schneite.
Eine Stunde später passierten wir einen einsamen Militärposten, der verlassen schien. Ein frierender Soldat hatte sich unter mehreren Decken in seinem Häuschen ohne Tür verkrochen. Mit einer abweisenden Kopfbewegung winkte er uns weiter.
Das Dorf lag auf einem kleinen Hügel, vielleicht 40, 50 Häuser groß. Auch hier kein Mensch zu sehen, alle Fensterläden geschlossen. Nach der dritten Rundfahrt endlich ein Lebewesen.
Was wollt ihr von Zuhair, fragte der Junge. Ah, ich verstehe, sagte er grinsend. Meine Schwester ist seine Frau. Er wohnt dort hinten im dem Haus und zeigte mit dem Finger auf einen mehrstöckigen Pyramidenbau.
Der Junge diktierte George die Telefonnummer. Eine Frau antwortete und sagte, kommt vorbei.
Unser Wagen fuhr langsam in die Garage unter dem Haus. Als wir ausstiegen, sind Sturmgewehre auf uns gerichtet. Drei Wächter mit schusssicheren Westen, an denen Granaten baumelten. Hier entlang, sagte ein blauäugiger, groß gewachsener Kerl. Er wirkte nervös und seine Pupillen waren viel zu groß für die dunkle Tiefgarage. Er ging hinter uns die Treppe in den fünften Stock hoch.
Das ganze Gebäude befand sich im Rohbau. Nur die oberste Etage war ausgebaut. Von der Terrasse ein Rundumblick weit in die Ebene hinein. An vier Eckpfeilern waren große Suchscheinwerfer angebracht.
Wir wurden in der Küche von Frau und zwei Kindern empfangen. Es gab Tee und endlich einen wirklich warmen Ofen. Olaf spielte mit den Kindern.
George sagte, ah, er liebt Kinder sehr.
Nach einer Weile kam Zuhair im militärischen Camouflageanzug und einer M-19. Olaf und ich dachten Militär oder Polizei. Zuhair lachte. Ich und Polizei, das ist ein schlechter Witz. Er sprach mit George über alte Zeiten. Erzählte, wie seine Mutter den Gefangenentransporter der Polizei stoppte und ihn befreite.
Sie hatte noch eine Kalaschnikow, sagte Zuhair. Aber das hier ist besser. Er hielt uns seine M-19 vor die Nase. Wunderbares Gerät, mit Granaten-Luncher.
Olaf machte eine abweisende Handbewegung. Ich bevorzuge Kalaschnikow. Ich bin ein altmodischer Typ.
Zuhair legte das Gewehr auf die Couch und die Kinder begannen, damit zu spielen. Olaf machte Fotos. Diesmal mit Erlaubnis.
George fragte, aber Zuhair sagte, nein, tut mir leid, das haben wir heute nicht. Ihr könnt das haben. Er deutete auf einen Sack, der 10 oder 15 Kilo schwer aussah. Nur keine Bange, einer meiner Wächter wird euch bringen.
Im Auto saß der blauäugige Lange hinter mir. Olaf begutachtete seine Python.
Das ist die Waffe der New Yorker Polizei. Ein schönes Teil, meinte Olaf und fragte, ob er sie nicht mal genauer ansehen kann. Der Lange nahm die Kugeln aus dem Magazin, bevor er Olaf die Waffe gab. Dafür war ich ihm sehr dankbar. Ich hasse es, wenn jemand mit einem geladenen Revolver hinter mir, im Wagen auf einem rumpelnden Feldweg spielt.
Im ersten Haus empfing uns ein Opa ohne Zähne schon draußen am Hof. Wie eine überzogene Sprungfeder lief er um den Wagen, riss die Türen auf, rief immer wieder, Willkommen, willkommen. Im Wohnzimmer saßen einige lethargische Figuren, die ihre Sturmgewehre und Kalaschnikows wie Regenschirme in einer Ecke abgestellt hatten. Den kantigen Landgesichtern fielen immer wieder die Augen zu. Ah, am richtigen Ort dachten wir. Kiloweise könnt ihr das haben, aber das andere leider nicht, bekamen wir jedoch auch hier hören. Die Frau des Hauses lief wie von einer Rakete getroffen vom Flur ins Wohnzimmer und wieder zurück. Sie stieß unmotivierte Laute aus. Der Opa ohne Zähne eilte ihr mit großen Schritten nach, man hörte laute Stimmen und Türen schlagen. Zeit zu gehen, sagte Olaf.
Der Lange lotste uns einige Kilometer weiter zum nächsten Weiler. Er stieg aus und brüllte in das Schneetreiben hinein. Jemand rief zurück und der Lange sagte, alles OK. Er nahm das Geld, verschwand im weißen Schleier. Wir warteten. Der Schnee deckte unseren Wagen mehr und mehr zu.
Es wird Dunkel, sagte George und schaltete immer wieder den Scheibenwischer ein, um wenigstens die Windschutzscheibe frei zuhalten. Der Lange kam nach einer Weile, ohne schusssichere Weste und Sturmgewehr. Ich bleibe hier und gab uns zwei Pakete. George startete erleichtert den Wagen. Am einsamen, scheinbar verlassenen Militärposten winkte uns der frierende Soldat ebenso desinteressiert durch, wie schon bei der Hinfahrt. George fuhr so aufmerksam, wie den ganzen Tag noch nie.
Zuhause in Beirut saßen wir neben dem elektrischen Heizkörper in meinem Arbeitszimmer. Wir tranken Almaza, libanesisches Bier. Ich las Olaf stundenlang aus „Arabien Remixed“ vor. Beide mussten wir uns ermahnen, die Augen offen zu halten. Spät nachts fuhr Olaf, der Dicke, über die Autobahn nach Jounieh. Die Schlaglöcher auf der Strecke hielten ihn wach. Sein Haus lag direkt unterhalb der Harissa, der riesigen Madonna-Statue, die weiß, mit ausgebreiteten Armen, schon von weitem, ganz oben am Hügel, zu sehen ist.
Ich räumte noch auf und konnte endlich wieder ins Bett gehen.

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