Brief von Claude Pélieu und Mary Beach an Carl Weissner

The Wing of Pekes, Hailsham, Sussex BN27 4AD England
5. Dezember 1973

Howdy, Carl —
Hm! grade Coca Neon beendet «Un Western Brisé»), Mary findet es gut, vielleicht glaube ich es ihr auch, auf jeden Fall sind die Zeiten inzwischen extra hart, und ich bin geschafft, erkältet, gelangweilt, wahnsinnig und pleite: Kein Erfolg, nichts, nada, alles grässlich und beschissen, und gestern habe ich schon wieder einen flotten Spiesser gesehen, der aus der Kälte kam.

Sorry wegen Rolling Stone und der Story von Sam Ervin und seiner Watergate-Show: Habe es vor Wochen an einen Vollidioten ausgeliehen. Und der ist in eine Schrottpresse gefallen. War nichts mehr übrig.
Lass mich Pierre J. anrufen, vielleicht hat er noch sein Exemplar.
Heute habe ich einen kingsize Kater, kalt geduscht, Mary schläft noch, und ich lese dein Invisible Invasion, das ganze Ding — toll! Supernapalm, volle Deckung, CRASH!!!
Mit Bill Burroughs telefoniert. Er ist drauf und dran, nach Irland oder Schottland zu verschwinden.
Kein Scherz. Fortsetzung folgt, in Technicolor.
Der totale Krieg ist gleich um die Ecke, also muss man sofort die Kurve kriegen. Umarme dein altes Muttchen und spring in den Fluss, sonst riechst du an Weihnachten noch nach Pilz und Schimmel.
OK, Léon, lass von dir hören.
Claude

(Mary B.) Carl — wir waren auf einer blöden Party, nein zwei (!), Claude hat sich sinnlos betrunken und ich hatte eine Wut auf ihn und das ganze war ein einziger Flop.
Danke für deine eklige Karte — in England findet man so etwas nicht, keine Phantasie, eine Nation von Krämern, was kann man da schon erwarten.
Es war gut, euch alle auf der Buchmesse zu sehen, im Oktober — Ploog, Fauser, Hartmann, Breger. Die Kellnerin im «Wienerwald», die ungefragt 10 Martinis brachte, könnte ich heute noch erdrosseln.
Habe bereits einen Stapel Weihnachtskarten bekommen, aber da wir pleite sind, gehn dieses Jahr alle leer aus, auch du — es sei denn, ich finde eine, die unwiderstehlich ist (sic!)
Wir lesen dein abartiges Konvolut mit dem Titel «The Invisible Invasion», und wir lesen es mit Genuss (nein, es geht noch nicht aus dem Leim, auch die Collagen halten noch). Wenn du willst, kann ich dir alles kopieren. Damit du auch ein Exemplar hast. Die Mühe ist es wert.
Schreib uns bald. Herzlich — Mary.

(Pélieu) Wenn Joris aus Newcastle zurück ist (auf Lesetournee mit dem üblichen Tross — Mottram, Berrigan, Jules et Jim, Emile mit dem Klumpfuss! Herrje! Die Familie der Poeten hat ihre Klunker im ganzen Treppenhaus hängen…) Kurz, ich werde ihn fragen, ob er noch seinen RS hat (Sam E. und die Waterbugger).
Dies ist ein Nachtrag zu unserem deprimierten Brief. Die frz. Verleger sind endgültig kriminell geworden. Sie bescheissen mich, ohne Ausnahme. Es ist der globale Rip-Off.
Mary schickt dir einen Durchschlag von Coca Neon, wenn sie mit der engl. Fassung fertig ist. Es sind Stories, also hat auch der olle Joe wieder einen Auftritt.
Vielleicht nehme ich mir noch einen Roman vor, im Stil von «Kali Yug Express», aber mit Science-Fiction-Schweinkram, damit die Bürger im Swim ’n Swing Motel was zu lachen haben.
Grade habe ich Essen gekocht — echte französischen Fritten (Jessas, klingt ja heiss, Gustave!), kein Wein, einen Fingerhut voll Brandy, Klacks Mayonnaise drauf, fertig, aus. Der Pleitegeier zwingt uns in die Bulimie.
Wahrhaftig, ich bin geplättet. Was hältst du von der Situation? Ich glaube, ganz Europa ist erledigt und wird untergehen wie Karthago. Und unter solchen Verhältnissen, scheiße! meine Schreibmaschine hat einen Leistenbruch…
Mary sieht nicht so schwarz. Und du?
Ich sehe keine Lösung. Überall verkniffene Commies, die im Casino die Segel losmachen, und das sexuelle Proletariat geht vor Ehrfurcht und Bewunderung in dieKnie. Und Linke, angebliche, die dir den Weg verstellen mit dem fanatischen Blick von Scientology-Anwerbern!
Sobald wir zu etwas Geld kommen, fahren wir nach London und besuchen William Lee. Bevor er nach Irland oder Costa Rica entschwindet. (Nach Irland bist du zu allem fähig.)
«The Wild Boys» ist herausragend. Es gefällt mir sogar auf Französisch.
Was werden wir uns vor Lachen in die Schuhe pissen, Léon! outa sight, man! groovy! Die vernagelten Gestalten in ihren Landkommunen, wo sie Hare Krishna intonieren und mit Pfeil und Bogen Jagd auf Feldhasen machen. Und Snyder wickelt sich Huflattich um den Schwanz, weil für Präser kein Geld da ist.
Schade um Alan Watts, der zu früh abtreten musste.
Die makrobiotischen Larven werden beim Frühstück das kleine rote Buch des Vorsitzenden Muff mit dem Baguette konsumieren. «Ey! Chopstick Charlie! Ist das die Gasrechnung für Eichmann?»
Wir warten auf Nachricht von Carl Solomon, und ich sehe mir «Farmhouse Kitchen» und die Ladies‘ Show an. Das ist, nach Stalingrad, das einzig Wahre.

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