Observation

Von Alfred Hackensberger

An einem sonnigen Sonntag im Herbst, in dem die Blätter an den Bäumen so rot und golden glänzen, Spaziergänger sich den Nachmittag im Stadtpark vertreiben, sass ein Mann unweit vom Hauptbahnhof auf einer Wiese unter Bäumen. Mit dem Rücken am Maschendrahtzaun, der ihn von den vierspurigen Gleisen trennte, auf denen S-Bahnen vorbeibrausten und alle zwei Minuten den Boden beben liessen. Das Brausen der Züge schien den Mann nicht zu stören, er genoss die Wärme der späten Oktobersonne, wie sie so sanft auf ihn herunterfiel, ein angenehmes Selbstvergessen erzeugte, als wäre er der einzige Mensch auf dieser Welt. Zufrieden stocherte er in seinem offenen Bein, fasziniert von den entdeckten Gästen, einem weissen Gewimmel, das in Herbstlicht so idyllisch wirkte. Stück für Stück löste er die alte Haut, einen Streifen nach dem anderen, rund um das offene Fleisch, in dem seine neuen Freunde lebten, gefrässige, kleine Tierchen, die so nett und unscheinbar aussahen.

Mit der Nadel piekste er eins ums andere der sich windenden Dinger auf, hielt sie lange gegen Nachmittagssonne, bevor er sie zwischen seinen Fingern zerdrückte. Oben von der Brücke aus, beobachteten ihn zwei Polizisten in Zivil, mit einem Fernglas in der Hand und wurden Zeugen dieser Morde, entschlossen sich aber nicht einzugreifen und brachen die Oberservierung kurz entschlossen ab. Der Mann unten auf der Wiese blieb allein, mit sich, der Sonne und seinen tausend weissen Tierchen im Bein. Nur die Züge brausten weiter vorbei und liessen den Boden unter ihm alle zwei Minuten erbeben.

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