MUSS DAS JETZT SEIN? – Interview mit Carl Weissner

Carl Weissner, Sie sind zur Zeit wieder mit Bukowski
unterwegs …
Ich habe in Duisburg Gedichte von ihm gelesen; sie wirken
oft wie Kurzversionen seiner Stories und haben einen
ähnlich hohen Unterhaltungswert – das macht sie populär,
aber es steckt natürlich noch mehr dahinter.
Und dann kam, ohne daß es die Stimmung nennenswert gedrückt
hat, meine Reportage von seiner Beerdigung.

Wo kann man die lesen?
Nirgends. (Anm. d. Red. Mittlerweile ist sie als Bonus-Track
in «Manhattan Muffdiver», Milena-Verlag 2010, nachzulesen)
Die gibts nur für Besucher meiner Veranstaltungen.

Möchten Sie jetzt etwas davon erzählen?
Für eine Beerdigung war es eine sehr lebendige
Angelegenheit. Natürlich haben alle vermißt, daß es
nichts gab für Leute, die an der Flasche hängen. Bei
so einem Toten ..•
Die Witwe ließ drei buddhistische Mönche kommen.
Die machten erst mal eine Reinigungszeremonie.

Bei Bukowski hat es viel zu reinigen gegeben?
Ja. Da hatte sich viel angesammelt. Das mußte weg.
Vorher durfte er nicht unter die Erde.

Ist es eigentlich unangenehm, so schmutzige Texte
zu übersetzen?
Nur wenn man zimperlich ist. Das bin ich nicht.
Außerdem ist Bukowski viel weniger schmutzig als …
wie heißt der Favorit von Reich-Ranicki?

Goethe.
Nein, den meine ich nicht. Aber auch Goethe ist noch
dreckiger … Im Ernst: Man vergißt leicht, daß
Bukowski jahrelang für Hippie-Zeitungen geschrieben
hat, für Underground-Blätter. Wir haben damals alle
so geschrieben – etwas hemdsärmelig und ruppig. Das
war die schnellste Art, sich von Schwurblern wie Updike
und Grass abzusetzen.

Hat euch das nicht Ärger mit den Frauen eingebracht?
Nein. Seine Frauen waren ja immer treffend dargestellt.
Die meisten waren Damen von der Straße, die konnten
nicht nur einstecken, sondern auch austeilen — aber
von ihm fanden sie sich im Allgemeinen nicht unkorrekt
gesehen. Sie haben ihn auch ganz gern gelesen – seine
Kolumne, die immer gepfeffert war, stand ja jeden Freitag
in der Los Angeles Free Press.

Sein Werk ist jetzt im Mainstream angekommen …
Hm. Ich würde sagen, es war nie woanders. Der Underground
der sechziger Jahre – da fing er an – war der
Mainstream. Es sei denn, er hat was für den Hustler
geschrieben. Da gabs 3000 Dollar für eine Story – aber
Schmuddel bleibt natürlich Schmuddel. .
Einem Playboy-Redakteur in München hat er mal ne Kopie
geschickt. Abgelehnt. Sex mit Tieren! Und dann noch mit
tödlichem Ausgang! Nee, du …

Wer stirbt denn, der Mensch oder das Tier?
Das Tier. Inzwischen kann man im Internet nachlesen,
daß sich ein Notar aus Vermont von einem Hengst totficken
ließ. Der Mann hatte einen lockeren Schließmuskel,
und der Hengst hat nicht lange gefackelt.
Auf so etwas wäre Bukowski nie gekommen. Er wußte eh:
Die Wirklichkeit ist immer härter.

Welche Beziehung hatten Sie zu Ihm?
Wir waren drei Jahre Brieffreunde, bis wir uns das
erste Mal in Los Angeles trafen. Wir haben uns selten
gesehen und gut verstanden.

War es anstrengend, mit ihm die Nächte durchzumachen?
Es ging. Ich wollte unbedingt um drei oder vier Uhr
morgens noch bei Bewußtsein sein. Kurz vor Sonnenaufgang
war er in Höchstform. Da kam der Klartext. Alles andere
war Anlauf: Man hat mexikanische Boxkämpfe im Fernsehen
angeschaut, um Zeit zu schinden, bis der Pegelstand erreicht
war.
Da hieß es dann: «Der Normalmensch ist nicht normal. Die
Natur ist nicht natürlich. Gott ist eine Erfindung von
Luschen. Gib mir ne Lunge voll Smog – jederzeit. Und die
schönste Frau ist die, die an deinem Fenster vorbeigeht
und sich in Luft auflöst.»

Sie selbst schreiben auch …
Mhm. Ich habe grade einen Internetroman fertig. Ich
hab ihn auf englisch geschrieben, als Blog. Handelt
von einem Frauenmörder in San Francisco und Paris, der
nichts dafür kann. Die Story geht zurück auf eine
Meldung in der französischen Presse: Ein Junge von vier
oder fünf Jahren war von der gestörten Mutter in ein
Verlies sechs Meter unter dem Küchenboden gesperrt worden
und vegetierte dort jahrelang. Pro Tag bekam er einen
halben Liter Evian und Küchenabfälle. Als er entdeckt
wurde, war er schlimmer dran als ein Wolfskind.
Ich habe mir vorgestellt, wie es mit so einem Leben
weitergeht.

Wenn ich Ihnen jetzt mit Freud kommen würde, könnte
ich Ihnen als Autor mörderische Qualitäten nachweisen.
Richtige Autoren sind Ersatzhandler. Ich finde das
praktisch. Statt daß ich zwanzig Leute umbringe, schreibe
ich einen Roman.

Das Interview wurde im Oktober 2008 von Lutz Debus für die Westdeutsche Allgemeine Zeitung geführt.

Das Interview als Pdf lesen.

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