«Working at the Buddha factory I dreamt that one day I would be free!» – Gedanken zu Ira Cohen

Von Pablo Haller

Ira Cohen ist weitergereist. «Ira flew away today at approx. 6:30 PM». Die kurze Nachricht eines Freundes. Ira, der psychedelische Zauberer von Oz. Ira der Multi-Media-Schamane. Ira, der Majoon Traveler. «Ira Cohen ist unterwegs auf der Milchstrasse», schrieb Jürgen Ploog über ihn und seine Dichtung. Nun ist er ausgeflogen, experimentiert in anderen Sphären – vielleicht zusammen mit Brion Gysin, dem er seine gewichtige Gedichtsammlung «Where the Heart Lies» widmete. Im deutschen Sprachraum hat uns Ira Cohens Poesie und Persönlichkeit der Schriftsteller und Herausgeber Florian Vetsch, der drei Gedichtbände von ihm übersetzte, Cohen in zig hiesigen Literaturzeitschriften unterbrachte und auch biografisches über ihn schrieb, zugänglich gemacht.

Er war Poet. Er war Verleger. Er war Fotograf. Er war Produzent. Er war Filmemacher. Er war Performer. Er war Reisender. Er war Psychedliker. Er war Mystiker. Für Gewisse ein Erleuchteter gar, ein Erleuchter, was Hand in Hand geht.

Beeinflusst von Dylan Thomas, Marina Zwetajewa, Francois Villon, Dante, Gustav Meyrink, der Beat-Poetry, dem Dadaismus, dem Surrealismus, Jack Smith, Vali Myers, Kazuo Ohno, Irving Rosenthal und nicht zuletzt von seinem 1987 weitergereisten Guru Ganseh Baba.

Ira Cohen wurde am 3. Februar 1935 als Sohn jüdischer Eltern in der New Yorker Bronx geboren. Mitte der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts kam er mit Gras, Jazz und Literatur in Berührung.

1961 bestieg er einen jugoslavischen Frachter nach Tanger (Marokko). Dort lebte er für die nächsten vier Jahre, dort veröffentlichte er das Magazin «Gnaoua», wo er u.a. das Werk von William S. Burroughs, Brion Gysin und Harold Norse vorstellte. Auch produzierte Cohen in Marokko von Paul Bowles und Brion Gysin aufgezeichnete Jilala-Musik, mystische Aufnahmen einer musikalischen Trancebruderschaft. Und er gab unter dem Namen Panama Rose ein wegweisendes Haschisch-Kochbuch heraus.

Auch in Marokko entstanden die Gedichte «Tangier Telegram From The Majoon Traveler» und «Coda», die er mit einer eigenwilligen Variation der Cut-up-Methode herstellte: Cohen schnitt rechteckige Schlitze aus verschiedenen Papieren aus und fuhr mit den Papieren über die Texte. «The Sieve» nannte er diese Technik. Die Idee kam ihm, als er sah, wie man Kif siebt, um den feinen Blütenstaub zu gewinnen, aus dem der beste Hasch gepresst wird.

Zurück in New York entwickelte Cohen die Mylar-Technik, eine filmische und fotografische Zerrspiegeltechnik, und porträtierte so Persönlichkeiten wie John McLaughlin, Jimi Hendrix und William Burroughs. Daneben schrieb er und spielte in einem Film von Jack Smith mit («Reefers of Technicolor Island»); des Weiteren produzierte «Paradise Now», eine Videodokumentation über die historische Amerika-Tour des Living-Theatres.

In den 70ern ging’s nach Kathmandu, Nepal, wo er eine Künstlerkolonie gründete, viel herumreiste und auf einer Reispapier-Handpresse amerikanische Literatur in Erstausgaben druckte (u.a. von Gregory Corso, Charles Henri Ford, Paul Bowles und Angus MacLise). Letzerer – ein guter Freund von Cohen – starb ebenda 1979 zur Sommersonnenwende mit 41 Jahren an Drogenmissbrauch.

In den 80ern reiste Cohen nach Äthiopien, Japan, dann zurück nach Indien, wo er das grosse Kumbh-Mela-Festival, die grösste spirituelle Zusammenkunft auf dem Planeten, filmisch dokumentierte. Dann zurück nach New York, das ihm bis zu seinem Lebensende Homebase war, wohin er immer wieder von unzähligen längeren Reisen und Lesetouren zwischen Okinawa und San Francisco zurückkam.

Ich kannte Ira bloss aus seinen Gedichten. «Where the Heart lies» war eines der wenigen Bücher, die ich auf meiner ersten Marokko Reise dabei hatte. Erinnere mich, wie ich neben einem Pool in der Sonne lag – unter mir flimmerte Fes in der Nachmittagshitze –Fortunas paffte und auf dieses Gedicht stiess, das Cohen am 4. August 1997 geschrieben hatte – ein verlustreiches Jahr für die Beats, wie bereits auch das noch jugendliche 2011 – und das mich sehr rührte:

HAIL AND FAREWELL
AVE ATQUE VALE

August 4, 1997

Farewell Burroughs, Ginsberg, Huncke & Leary too,
we who are about to die salute you
If in every eyeblink there exists a potential eternity,
maybe there will still be time to clean up & even go beyond

Luckily it isn’t too crowded where you are
considering the immensity of the population
You have no more body & Spirit lives in infinite space
Say hello to Gysin, will you & wear your last names proudly

This is Cohen talking & I’m very glad to say –
even after radiation this is a particularly splendid day!
Mother Earth & Father Sky grant you what your effords
surley do confer

Return to that light which once you knew
before you wrote yourself out of this human zoo.

HAIL AND FAREWELL TO YOU TOO, IRA …

Wenn auch ihr Iras an dieser Stelle gedenken möchtet, schreibt doch in die Kommentarfunktion ein paar Gedanken, ein kleines Gedicht, eine Anekdote. Wäre schön, wenn wir ihn so in unserer Erinnerung behalten, sein Leben und Werk noch mal würdigen könnten. Ich werde im Verlauf der Tage an dieser Stelle noch Links zu ihm und seinem Schaffen sammeln und publizieren.

Nachruf in der New York Times
Beatnews – Kurznachruf mit weiterführenden Links.
Nachruf mit weiterführenden Links von John Coulthart
Nachruf mit weiterführenden Links auf Jewcy
Ira Cohen liest im Bowery Poetry Club (NYC), September 2010
Song to Nothing, gelesen von Ira Cohen
Can Writing Bring It Back, gelesen von Ira Cohen
Ira Cohen bei Harold Hudson Channer
Ira Cohens Kunst online
Gespräch mit Ira Cohen über die Mylar-Technik
News-Site mit Ausschnitt aus seinem Kurzfilm «The Invasion of Thunder Bolt Pagoda»
The Allen Ginsberg Project mit Verlinkungen zu Ira Cohen
Ira Cohens Website

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7 Antworten zu «Working at the Buddha factory I dreamt that one day I would be free!» – Gedanken zu Ira Cohen

  1. Pablo Haller schreibt:

    A ┃ DER TAG AN DEM IRA COHEN STARB
    (frei nach «der tag an dem paul bowles starb» von ira cohen)
    p ┃ «ira flew away today at approx. 6:30 pm»
    ausgeflogen deine seele also
    r ┃ im ALLes gelöst
    wie ausgehauchter haschischrauch
    i ┃ o come to rest, majoon traveller
    den du
    l ┃ – wie du an dieser lesung
    letzten september im bowery poetry club
    mit schalk bemerktest –
    2 ┃ nun schon seit vielen jahren gabst
    ira, IRA
    5 ┃ pazifistischer unabhängigkeitskrieger
    des bewusstseins
    exzentrischer bodhisattva
    2 ┃ mit dem barte des propheten
    den du dir aus dem spiegel griffst
    0 ┃ nun nebelst du
    entfernte paradiese
    1 ┃ mit heiligem rau(s)ch zu
    so bend your way
    1 ┃ from karma street to the milky way …

  2. pirmin bossart schreibt:

    bin sicher
    dass er lächelt
    beim aufräumen
    zwischen nyc und
    kathmandu

    der flug aus
    dem leben
    begleitet von
    der heiligen krähe

    ein paar gramm
    reispapier
    eine silberne dose
    schwarzer hashish

    fotografien
    mit verzerrten
    gesichtern
    stellen die
    realität
    wieder her

    in der
    thunderbolt pagoda
    kehrt
    ruhe ein

    sein bart lebt ewig

  3. Steve schreibt:

    Oh my,
    dont tell me that-
    I am somewhere in China right now,
    I had duck tongues for breakfast,
    fried bird heads for lunch
    and living sea creatures for dinner

    I was on the way to Nepal
    to sniff dust that Ira had sniffed before

    I wont go there now
    because its not the same
    to go to a place
    without being able to report to Ira afterwards

    Of course he will always listen
    but he hated to be bored
    and who does not love to receive a letter
    from a place that you once loved?

    This is my attempt to send a letter from the living to the dead,
    to Ira, who loved life and flirted with death, so much, one could
    have become indeed jealous about his talent to connect the two
    and erase the fine line that connects them.

    12 years ago, I took a world map off the wall in some dingy bar
    in the northern Argentine jungle and wrote an epic letter to Ira,
    which I then gave to an ex-lover of mine, a Flamenco dancing
    beauty who was on her way to Duke Ellington Blvd. in NY
    She brought that letter to Ira, 2 months later
    and his comment was;
    Tell him to learn how to dance the Tango
    to become a better poet.

    I still dont know how to dance that dance
    but Ira made me a better person then.

    IRA! You owe me an opium session!
    IRA! You owe me a swimming lesson!
    IRA! You owe me nothing.
    I owe you a hat full of priceless currency,
    a kickstart dose of eye-opening-slaps,
    a bag filled with surprise-bones.
    I owe you a lot of unconditional love.

    I shot up Insulin once into your veins.
    You shot that kind of life-enhancing stuff
    up into many people’s hearts, without even knowing.
    Maybe you did, you old bastard.
    Be assured, you still keep shooting.

    Ira, I am in China, its 1am,
    the news of your passing have just received me
    and the winds are blowing fiercely on the 15th floor.
    My heart is shattered and scared.
    I assume you are relaxing or negotiating on a higher floor
    or maybe you just passed by this floor on your way up.
    Either way its bottoms up! Sunny side up! Who, if not the ass
    itself can ever challenge the sun? Oh, its that kinda stuff you
    taught during your breaks, remember?

    I remember your beardy island in a sea of intellectuals
    giving us a wink as we drank cheap red wine among the ties
    before you started to sail Greek poetry followed by a sigh
    about the European thigh
    and a cry on the American nigh
    ending in a crawl across divided seas of biblical times.

    Ira, you were never Beat to me, you were never old to me.
    You were always young to me. You died like MM. Forever young.

    I am sorry if I am getting sentimental, Ira,
    you always kinda laughed about the past.
    You were a wise man during your living days.
    You took photos of your own ghost. Then dressed it up, colored its face and had a chat with it.
    Please excuse if we are simply going to miss you.
    No beard scratches like yours. No one farts like you. Nobody makes the Eastern Chinese Sea howl like you do.

    When Georg asked you „do you have that picture of William S.Burroughs.?“ You replied: „Yes? No. Why? Do you wanna know how it was to fuck him in the ass?“
    Of course we laughed. But then you laughed. And then we REALLY LAUGHED!
    You always had that quality. An earthquake kind of quality.

    We shall smoke opium somewhere out there,
    a beautiful maiden will rub your belly
    Radio Tarifa is dedicating a song to you
    and the spare change you always had ready,
    well, it will be ready for the rest of time –
    to be spent on such things as a passage to eternity
    or coffee coins for lives that dig their ways out of the sand
    and you are one of the few who
    made human existence more valuable.

    Thats all, my dear teacher, I send infinite love.
    To be continued.
    ***Steve***

  4. mischa vetere schreibt:

    hi,

    das nachfolgende gedicht aus dem jahr 2007 gefiel dem KING OF POETRY sehr gut, soll(te) buchzeichen unseres gemeinsamen photobuchs: http://upclose-hautnah.blogspot.com/ werden.

    aufgrund des sehr bedaurerlichen hinschieds freute eine vorzeitige publikation sehr; hier das gedicht:

    few words
    (about ira cohen)

    a rock in the sea does not care about weather,
    is there, wheter you like it or not:
    you’ve seen this, didn’t you ?,
    in your last life maybe even before,
    and thus, now only you recall :

    the photographer, the poet
    who survived how many lives alraedy?
    in kathmandu and elsewhere. The
    new york city poet will be known
    all over: that’s solid, but enough about weather !

    and thus, be careful, since this is not all, not much,
    much more he opens your heart with a gesture,
    few words or just with his eyes:
    leaves a photographic impression on
    paper – only one second of light kindly has passed –

    engraved particles already in this, your mind,
    now remaining this, your whole next life just began
    a few seconds ago to endure, to last long – wasn’t it there
    already ?, havent’ you felt this before ? nor did i ! – magic
    encounter ‘the final countdown’, right ? right now

    let’s say thanks to the magician, for opening eyes
    with his heart, for words full of vision, for raising his voice – recall
    roberto benigni, taxi driver in rome one „night on earth“
    takes off his sunglasses and says:
    „thanks, father, now i see, see so much better!“

    mischa vetere
    18th of january 2007/27th of april 2011
    – eternal life to IRA!

    die aktuelle bildarbeit ist von gestern, 27.4.11 (zum tod von IRA) – in der file-history findet sich sein wunderbares portrait von mir aus dem jahr 1998 [welches vorlage für erstgenannte arbeit wurde]:

  5. Hans Peter Gansner schreibt:

    Rainbow-Blues

    In Memory of Ira Cohen (1935-2011)

    It seems in ancient times they found
    A treasure where the rainbow touched the ground.

    But I am sure that you can try and try:
    ‘Cause treasures hide where rainbows reach the sky!

    You better don’t waste your precious time each day
    Playing on and on this childish treasure-play.

    Look simply at the rainbow and say only: Oh –!
    What a wonderful, but fading away – rainbow…

  6. Florian Vetsch schreibt:

    Rosenblätter
    27. Jan. 2008

    Rosenblätter auf dem Tisch
    Erinnern mich für immer an dich
    Filzte Ira Cohen vor Jahren in sein Notizbuch
    Ira, der jetzt im Jewish Home, Manhattan, liegt
    Seit Wochen am Genesen, zäh
    Nur 3 Blocks entfernt von seiner uralten Bleibe
    In der schon sein Vater & seine Mutter starben (beide
    Taub, deshalb gehen beim Klingeln des Telefons
    Noch immer Lämpchen an, völlig
    Irr inzwischen). Diese unvordenkliche Wohnung
    Mit den fusschmalen Gängen zwischen Haufen
    Stapeln, Türmen von Aufnahmen, zwischen in die
    Zimmer wuchernden Regalen, dort
    Thront er in der Sofa-Ecke, den Reichsapfel
    Eine Frauenbrust in der Hand – hatte ihn heute
    An der Strippe, den maladen Zauberer von Oz
    Seine Zunge, schwer von Medikamenten
    Charmierte: „It’s never too late for kisses.“

  7. Ira Cohen schreibt:

    MEMORY

    This music was meant to be
    played for the Gods. When kings
    wanted to hear it, it began
    to die.
    Annapurna Devi

    Once when I was in India
    it occured to me that if I sat
    by the Ganga & wrote a poem
    every day & offered it to the river
    it would be a great thing to do –
    I did do it at least once & then
    some years later I wrote a poem
    in NYC & threw it out the window
    for the sake of the wind & for
    the memory of days gone by.
    (I am nothing but a shadow
    which plays in the grass.)

    ERINNERUNG

    Diese Musik war ursprünglich nur für die Götter
    bestimmt. Als die Könige sie zu hören begehrten,
    begann sie unterzugehen.
    Annapurna Devi

    Einst kam ich in Indien
    auf den Gedanken, dass es eine grossartige Sache wäre
    Tag für Tag am Ganges ein Gedicht
    zu schreiben & es dem Fluss zu opfern –
    Mindestens einmal hab ich’s getan & dann
    schrieb ich Jahre später in New York
    ein Gedicht & warf es aus dem Fenster –
    als Gabe für den Wind & zur
    Erinnerung an verflossene Tage.
    (Ich bin nur ein Schatten
    der im Gras spielt.)

    aus:
    Ira Cohen: «Wo das Herz ruht» (zweisprachige Ausgabe; aus dem Amerikanischen und mit einem Nachwort von Florian Vetsch). Stadtlichterpresse. Wenzendorf 2010

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