Vier neue Gedichte & die Cut-up-Collage «Hausfreund»

Von Urs Böke

MISS & FOLGE

Die Orte an denen ich ohne dich war
waren nicht anders als die Orte an denen
ich versuchte mit dir zu sein

Eine Atlantikwallwelle im Sommer
ein Pilzsammlerwald tief im Osten
ein Geschützturm mitten im Leben

Die Orte die ich kenne kanntest du nie
was du nicht kanntest verbarg ich im Bier
Nächte voller Orte ohne Ziel und ohne Straßen
Nächte voller Worte ohne Ziel und ohne wir

Eine Betäubungsmaschinerie ohne Laufzahl
eine Thekenhockervergangenheit ohne Erfolge
eine überschrittene Demarkationslinie ohne UN

Die Orte an denen ich ohne dich war
waren nicht anders als die Orte an denen
wir versuchen gemeinsam zu sein.

DIE ÜBERLEBENDEN

Beim nächsten Update
krabbelt die dämliche Sonne
am Gestade empor und
erzählt von verbotenen Versen
ein Soldat in der Erde
träumt von Vergewaltigungen
im Kessel vor Bombay
du sitzt nackt auf dem Bett
und wirfst leere Flaschen
aus dem Fenster
denkst an die Toten
und an all ihre Bücher
verschenkst Schokolade
mit deinen Schweißfüßen
und rätselst seit Minuten
wo die Katze sich versteckt;
die dämliche Sonne
hat kein Gewissen
die bescheint alles
und wärmte Mengele
die hat kein Gewissen
kennt keine Seele
die steht oben am Himmel
und lacht sich kaputt
über unsere Versuche
die Wüste zu wässern;
du sitzt weiter blöd rum
wartest auf bessere Zeiten
und gießt dir noch
einen Drink ein
zugegeben
mir fällt auch nichts
anderes mehr ein
unten bei den Türken
gibt es wieder Lamm
bereits das vierte Mal
in dieser Woche.

SOLLBRUCHSTELLEN

Ein Körper sitzt matt im Stuhl, das Wesen in weiß
hat kecke Brüste. Eine Butterflykanüle dringt ein. Überall
und nicht nur am Hauptbahnhof. Doch hier: Infusion.

Ich sehe zum Tropf hin. Wenn er voll Bier wäre!
Die Krankheit ist mittelprächtig, kein Sensemann lacht.
Was stört ist nicht das Leiden (es taugt zum Gedicht.)
Was stört sind die vergeudeten Stunden. Ich hätte

Söhne zeugen können oder am Gestade liegen. Mit einem
Bein einen Krieg riskieren müssen. Oder einem Völkermord
beiwohnen dürfen. Als Zaungast einer sterbenden Spezies.

Neuerdings kommt es alles nur noch auf Bilder an.
Ich bin nicht deprimiert genug um Mitleid zu fühlen.
Werde Amphetamine stehlen und die Praxis verlassen.
Genauso wie ich gekommen bin. Gesättigt und gelangweilt

Als Stück Restfleisch im Jahr der Reformen.

LAND HINTER TUNNELS

Kurz nach der Grenze beinahe ein Unfall
später dann ein Wagen auf dem Dach im Graben
und ich presse ein bella italia durch

Meine Lippen und die Sonne geht unter
und die Mücken sind Krieger und im Pool
tote Wespen die schwimmen im Seegang

Und am Strand schäbige Erde und ach:
All diese Pinien und überall Autos und
nirgendwo eine Ahnung von papagallos

Und am Strand Fett in Bikinis und Gerede
in Lautstärken im Supermarkt und hach:

Ein Mongo führt den Hund gerne Gassi.

HAUSFREUND

.

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