mit der zeit

Von Alfred Hackensberger

nach dem superbowl-grossleinwand-ereignis marschieren wir
die 8. avenue hinunter und diskutieren, ob dick nun erst ein
paar millionen machen soll, oder doch erst sein zweites buch
schreiben. wir finden kein ende. genausowenig wie er selbst.
eins ist so ungewiss wie das andere: buch und millionen. ich
will nach hollywood. ich komme nach hollywood. mindestens
500’000 beim ersten. ja, und nur produzent. besser als hungern.

erst geld und dann schreiben. seine kreatur führt uns
weiter. ein vortrag über kunst, maler und behinderte. über
unsere galaxis aus der sicht des physikers, schamanistische
reisen, die relativität der wissenschaft und der künsder als
besondere gattung innerhalb der spezies mensch. zwischen
brasilien und afrika sehen wir plötzlich nur noch geschlossene
läden, schwarze und müllberge. wir sind zu weit. sagt mona.
das ist schon die 123. straße. mach schnell, wir müssen
zurück. im eilschritt geht es ein paar blocks downtown. wir
winken einem cab. bevor mona einsteigt, klopft sie mir auf die
schulter und sagt: sieh, es ist vollmond. dann steigt sie ein. ich
rutsche nach und schliesse die tür.

im buick zur zweiten saturdaynight. ich habe die falsche
einladungskarte dabei und muss 17 Dollar blechen. kann mir
nur noch ein bier leisten, was ziemlich langweilig ist. ich
quatsche mit zwei mädchen über chers arsch, der etwas hilflos
vor unseren augen hin und her hoppelt. wir stimmen überein:
in video besser als in wirklichkeit. wir lachen. aber keins von
den mädels zahlt mir ein bier.

um diese jahreszeit ist es immer sehr kalt. manche tragen
masken wegen dem wind. die bettler frieren natürlich. sie
treten kräftig auf der stelle. «any change man?» der typ neben
dem u-bahn-eingang sagt garnichts. hebt nur sein schild vor
sich hin: homeless veteran. er hat seine hosenbeine aufgerollt
und zeigt seine kniestrümpfe. sie wirken schon ein wenig blau
vor kälte. trägt immer noch die grüne armeejacke und starrt
in den boden. ich hcschliclk ein bißchen mit der u-bahn
spazieren zu fahren. uptown am besten, wo sie nicht mehr
unterirdisch ist. sightseeing und es ist warm.

am nächsten tag unterhalte ich mich ein wenig mit tim butler.
also NUR mit dem bruder von … er sicht schlecht aus. der
einzige, der von den band mitgliedern aus dem bell gekommen
ist. es ist 3.30p.m. der mann von der record company ist ein
schleimiges arschloch, obwohl er mir ein bier bestellt. es wird
kein richtiges interview, vielmehr ein belangloses gespräch.
amüsantes gespräch im schwarzen ledersessel einer lobby
eines teuren hotels in n.y. irgendeine philosophie? etwas
wichtiges zu sagen? nein, nein, nicht so früh am morgen. wir
stoßen an. seine nase ist dick, seine augen total verquollen. ich
rieche den unverwechselbaren geruch von verdünnungsmittel.
meine nase juckt! placebo. meine nase läuft. placebo. ich
gehe an die bar und hole mir ein kleenex. als ich zurück-
komme, lacht tim butler und ich sage, thank you, nice to meet
you. ich gehe zu fuss und nehme kein cab. mir ist kalt und
schlecht. 2 blocks weiter gehe ich japanisch essen.

1.30 a.m. ich liege verpennt im bett vor der röhre. draussen
lautes gebrüll. ich öffne das fenster. unten auf der strasse
kämpfen dreissig oder vierzig leute. weiss gegen schwarz. und
schwarz gegen weiss. es geht ziemlich schnell. viel schneller
als im kino. keine fünf minuten und die ersten bewusstlosen
liegen auf der strasse. von hier oben kann ich das blut aus
ihrem mund, ihre zerschlagene fresse sehen. doch die bewusstlosen
bekommen keine ruhe. die kids unter den gangs, nicht
älter als 14/15, bearbeiten weiter die regungs losen gestalten.
mit stiefel ins gesicht und in die eier, einige nehmen bierflaschen
zu hilfe.

ich bin nichts besonderes, sagt sabrina, nicht wirklich interessant.
doch bin ich ganz anders, wie all die anderen. meistens
bin ich nett, manchmal auch bitchy. ich liebe cracker jack und
coca-cola. ich trinke nicht, rauche nicht, keine drogen. tags-
über arbeite ich in einer lebensversicherungsgesellschaft,
abends sitze ich mit meinem arsch auf dem sofa und schaue
fern. ich kenne viele tv-serien und commercials. ich liebe
meine mutter, habe einen stiefvater, der nett ist, und einen
richtigen vater, der ein arschloch ist. ich besitze einen briti-
schen und einen jamaikanischen pass. ich werde beide behal-
ten. beim sex bin ich richtig kinky. ich spreche deutsch, italienisch
und englisch. zur zeit lerne ich japanisch. nein, sonst
gibt es eigentlich nichts mehr zu sagen. das ist alles.

die leberflecken haben sich drastisch vermehrt. kleine dunkle
schwarze sprenkel am oberkörper. john wayne hatte krebs in
einem seiner letzten movies. der alternde revolverheld, nur
noch ein paar wochen zu leben. aber es mußten noch zwei
kopfgeldjäger dran glauben. herzdurchschuss und einmal
mitten in die stirn. seine vermieterin sagte nur: und das im
zeitalter von telefon und eisenbahn, unglaublich.

marlisa ging mit 17 zur army, um frei zu sein. nach dem
ersten ausbildungsjahr ging sie nach korea. dann usa rundreise.
dann physik- und mathematikstudium. arbeit in der
schweiz und brd. heute tätig als physikerin. experimente und
analyse. sie liebt klassische musik und jim jarmusch. während
der army-zeit nahm sie allerlei drogen. hing in bars herum,
hörte nur schwarze musik und sah leidenschaftlich fern. ihr
bester freund damals war zwei meter groß, schwarz, dumm
und ein frei herumlaufender mörder. marlisa’s brustkorb ist
ein wenig verstümmelt. ihr bruder brach ihr die rippen und
keiner wollte dies glauben. als kleines kind, sagt sie, wie unter
einen zug geworfen und überlebt. so sicht das aus.

im greenstreetstudio ist alles ganz locker. ich sitze mit chuck
d. und weiteren muslims vor der glotze und verfolge ein spiel
der n.y. knicks. mit der zeit werden es immer mehr leute. tür
auf tür zu. alle tragen sie diese grünrotschwarze afrika land karte
in leder um den hals. das spiel gefällt ihnen aber gar nicht.
terminator x und professor griffin machen nebenan

eine session. chuck schaut während der commercials immer
wieder vorbei. keiner raucht. im automaten gibt es nur soda
und der studiomanager schenkt kaffee ein. es ist halbelfuhr·
abends und die knicks haben verloren. jetzt gibt es wieder stau
auf der madison avenue.

anke sagte, sie träumt immer wieder von diesem kleinen
mädchen im weißen rüschenkleid, das mitten im regen nachts
auf der straße steht. ringsum sind scheinwerfer in den boden
eingelasscn, die gegen den himmel strahlen. das mädchen hat
lange blonde haare. ihre mutter spricht sie nur in deutsch an
und antwortet auf englisch. irgendwann einmal wollen sie
nach spanien gehen, dann wird sich das ändern.

nur ein paar tage zurück und schon wäre es ein kiechle gewor·
den. sicherlich ohne jegliche bedeutung, auswirkung, aber die
sondersendungen, extraseiten, sonderberichterstattungen
vermißt man schon. frühstück vor dem fern seher bis mittag.
alle tatereignisse quasi live, ermittlungsergebnisse und alle
stunden die fahndungserfolge via radio. abends hätte der barkeeper
in der stammkneipe wieder den einen oder anderen
schnaps spendiert. eine nacht am tresen und betrunken, ach
all die kondolenzerweisungen: das lokal singt und lacht. vor
ein paar monaten war das noch interessanter gewesen. da
hatten wir was zu diskutieren. meine arbeitslosen und ich, die
wir uns (in beiden fällen notgedrungen) die zeit von drei wochen
zu vertreiben hatten. deutschkurs, grammatik, rechnen,
logisch denken, finden sie einen arbeitsplatz: bildungserpro·
bung. zwanzig leute mit grossen augen und hoffnungen, dass
jetzt alles ganz anders wird. 70 % schwerbehinderte, die hälfte
ausländer, altersdurchschnitt 42. kaum einer kann noch heben,
lange stehen, zupacken, was sie sich alle so gerne wünschen.
reintegration. die sache ist aussichtslos. jeder weiss es, doch
keiner will es wahrhaben. in den pausen reichlich bier. mittags
zum essen schnaps. einer von ihnen war in der fremdenlegion.
ein anderer auf dem polytechnicum. magenoperationen, lahme
beine, kaputtes kreuz, ein (industrie) feldlazarett. ich kann es
verstehen. hiess es bezüglich herrn herrhausen. mir ist es egal.

sollen sie da oben doch alle verrecken. aber der staat und die
wirtschaft müssen doch weiter funktionieren. wie soll es denn
sonst weitergehen. abknallen, abknallen, murmelt einer ergriffen.
aber ein arbeitsplatz ist doch frei geworden, sagt ein anderer.
alle lachen. was meinen sie dazu?

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Eine Antwort zu mit der zeit

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