Kein Nachruf

Von Axel Monte

Statt Hadayatullah Hübsch etwas nachzurufen, möchte ich ihn lieber selber sprechen lassen. Der folgende Abschnitt aus dem «Asphalt Derwisch», der aus Hadayatullahs Feder stammt, hat mir immer am besten gefallen, mich am meisten berührt. So habe ich ihn gekannt, so behalte ich ihn in Erinnerung. Die Überschrift wurde von mir hinzugefügt.
 Axel Monte, ein Freund

I’ve changed my name

Irgendwann auf der langen Reise mußt du dir die Frage stellen: Du oder Ich. Aus einer der halb verfallenen Spelunken hörst du dann vielleicht einen Burschen auf seiner verkratzten Gitarre klimpern und Worte des frühen Bob Dylan singen: so don’t you fear / if you hear / a foreign sound / to your ear / it’s alright, Ma / I’m only sighing. Und du trittst ein und läßt den Schatten, der dir auf der Straße noch über die linke Schulter gelugt hat, zurück. Dreimal atmest du tief ein, und in deinem Kopf macht sich ein Bild breit, deine Mutter, wie sie, im langen schwarzen Kleid des Nachkriegs Kleidung auf eine Wäscheleine aufhängt, während du um sie herumwuselst. Niemanden fällst du auf, du bist irgendeiner, den es hierher verschlagen hat, wen sollte das schon kümmern, wenn es auch dir gleichgültig ist. Langsam trittst du an die Theke, fängst den Blick auf, den der Barmann dir zuwirft. «Kaffee», sagst du und drehst dich um. Da sitzen sie vor ihren Bierflaschen, der Bursche in der Ecke stimmt seine Gitarre, it’s life and life only. Willst du hierbleiben, willst du gehen? «Natürlich», sagst du, und du sagst es, weil der Barmann fragt: «Schwarz?» Dann kramst du aus einer Hosentasche eine 50 Cent Münze, legst sie in die Drehscheibe des Ernußautomaten, und während du dann die salzigen Nüsse aus dem Behälter klaubst, wunderst du dich, daß du etwas essen mußt. So, als genüge es, mit dem Heiligen Namen Gottes im Gemüt unendlich lange umher zu wandern. «Siehst du», sagt die Blondine, die ihrem Lover etwas erklären will, und du wendest dich ab und gehst mit der Tasse auf den Burschen zu, der immer noch mit seinem Plektrum auf den Saiten rumklimpert. «Kennst du Partisan?» Und ohne zu nicken, fängt er an. I’ve changed my name so often, hörst du, aber du wartest auf einen anderen Vers, und da ist er: There were three of us this morning, I’m the only one this evening, but I must go on, und fast beginnst du zu weinen. Um etwas zu tun, suchst du nach einer Dollarnote, aber alles, was du hast, sind indische Rupienscheine. «Vergelt’s Gott», sagst du leise, als er endet. Und er lächelt dich an: «Der Kaffee geht auf mich.» Und da weisst du, daß du zum Freund geworden bist.

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3 Antworten zu Kein Nachruf

  1. Pingback: #1 – Hadayatullah Hübsch | Gasolin Connection

  2. C.C. Kruse schreibt:

    Ein sehr schöner Text – Danke !
    Möge Hadayatullah durch unsere Erinnerungen lebendig bleiben !!

  3. thorsten nesch schreibt:

    dank dir, axel,
    hätte keiner besser sagen können.
    dank dir, hadayatullah,
    thorsten

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