Hadayatullah Hübsch – ein Nachruf

Von Florian Vetsch

Heute, Samstag, den 8. Januar 2011, wäre Hadayatullah Hübsch 65 Jahre alt geworden. Anstelle der Geburtstagsfeier findet heute seine Grabbeisetzung um 10:00 Uhr auf dem Südfriedhof in Frankfurt am Main statt; Hübsch habe sich am Morgen des 4. Januar nach der Verrichtung des Morgengebets in seiner Wohnung hingelegt und sei friedlich entschlafen, teilt die Familie des gläubigen Muslims mit.

Am Tag vor seinem Tod schickte ich ihm, mit dem ich seit Jahren eine rege, fruchtbare Korrespondenz führte, ein Couvert mit dem Anfang für einen zweiten Band unseres lyrischen Schlagabtauschs; der abgeschlossene erste Band soll unter dem Titel «Round & Round & Round» 2011 bei Songdog erscheinen. Im Couvert befand sich auch ein Gedicht, das Hadayatullah im März 2010 geschrieben hatte und das den Schluss zulässt, dass er in einem Ausmass krank war, welches er Aussenstehenden nicht mitteilte. Denn sein Tod kam nicht nur für mich, sondern für alle überraschend, riss ihn mitten aus seiner vielfältigen literarischen Tätigkeit und seinem religiösen Amt als Imam der Ahmadiyya-Bewegung.

Wetterbericht

Die Sprache im Eimer,
Das System durcheinander,
Der Kopf spielt verrückt,
Ich bin krank,
In Innereien,
Und Aussenreihen,
Bis auf Blut&Niere,
Die Augen trocken,
Die Synapsen flirren,
Viren im Computerhirn,
Die Stirn in Falten
Wie eine vom Sturm ver-
Wirbelte Eisenbahn-
Kreuzung, ein Mischding
Aus Hulk&Walk the Line,
Ich bin krank,
Im Arm Ziepen&Zerren,
Im Ohr der Wurm von Yester-
Day und nachts weisse
Träume, die Mut machen
& Sorgen verkünden,
Inscha-Allah,
Ich bin krank,
Aber noch da,
Worte nähern sich,
Die Welt ein Fluss im Spiegel,
Ich spiele den Igel,
Wozu Reime?

Angesichts der barocken Fülle von Hübschs weit über 100 Publikationen könnte er heute schreiben:

Ich bin tot,
Aber noch da.

Noch da ist er jetzt gerade auch für all jene, die an seiner Beisetzung teilnehmen. Ich wünsche ihnen viel Kraft und seiner Seele wünsche ich viel Glück auf dem nadelfeinen Weg in den ewigen Osten!

Hadayatullah wird mir fehlen, tut es jetzt schon, weil er das Couvert nicht mehr öffnen und nicht mehr auf meinen Brief und mein neues Gedicht antworten kann. Und er wird mir fehlen, weil mich unsere Brieffreundschaft zu immer neuen Gedichten anspornte. Eines davon schrieb ich nach seinem Besuch in der Ostschweiz, wo er im Mai 2008 in Steckborn ein Seminar geleitet und in St.Gallen im Palace ein Podiumsgespräch zum Thema «Islam – Krieg oder Frieden?» bestritten hatte. Ich habe es ihm gewidmet und in der «Tanger Trance» (Benteli 2010) veröffentlicht; Hadayatullah freute sich so sehr darüber, dass er es in der nächsten «Holunderground»-Ausgabe, dem von ihm herausgegebenen Little Mag, abdrucken wollte:

21 Augen

für Hadayatullah Hübsch

21 Augen zählt der Würfel &
Mit der Zeit zahlen sie
Sich alle aus, zählen sich
Aus: 3, 2
1, 0 – so endet der Koran. Hau!
California, I’m comin’ home
Du kamst zum Schwäbischen
Meer, in der zerfetzten Tasche
Die Pöms aus Marokko
Sprachst am Mikro-
Phon von der Anderen Welt
Im alten Kino Palace
Vor wenig Leuten
Friede den Hütten!
Krieg den Palästen!
Als Irrweg ausgemacht
& mitten im Gebimmel & Gelall
Der Pfaffen den Salat
Gemacht. Love is touching
Souls, so süss wie
Bitter, die 21. Zeile.

Hadayatullahs Stimme wird allerdings überhaupt fehlen, weil er wie kein Anderer an der Schnittstelle Beat-Literatur und Islam gearbeitet hat, auf einem brach liegenden Feld, das dem Mainstream nicht geheuer ist – daher die Peinlichkeit der fehlenden Nachrufe in den grossen Tageszeitungen. Das Netz ist da reicher … Hadayatullah war ein Brückenbauer sondergleichen; kein Wunder, dass ihn jene, denen Mauern–Wertungen, Standards, eine Leitkultur, der Kanon etc. – wichtiger sind als Brücken, zurückstossen wie das Weihwasser den Teufel. Doch einer, der schreiben könnte

Ich bin tot,
Aber noch da

braucht das Rascheln in den Feuilletons nicht, wenn er abtritt. Hübsch lebt weiter. Auf Youtube zum Beispiel, einsehbar für alle, die das wollen, oder aber in dem enthusiastischen Langgedicht «besser als gegen mülltonnen zu kicken» von dem blutjungen Dichter Pablo Haller aus Luzern, das bislang nur eine Handvoll Freunde kennen und das mit diesen Versen endet:

über deine vita
die in der tat
einer «aussergewöhnlichen
jeglichen bürgerlichen rahmen
des abendlandes
sprengenden
erscheinung» (faz-kündigung an dich)
würdig war
wurde genug geschrieben
deine weitherzigkeit
kann
man nicht genug erwähnen
hübsch – ich geh jetzt
einen schnaps auf dich trinken
das ist nicht halal – aber es tut wohl!
thx for everything, man!
i’ll miss you … damn!
allahu akbar

Freilich lebt Hadayatullah Hübsch vor allem in seinen zahlreichen Publikationen weiter. Manche davon sind in kleinen Auflagen erschienen, verstreut; besonders diese sind jetzt zu Preziosen und Memorabilien geworden. Glücklich kann sich schätzen, wer welche von ihnen besitzt! Sie zur Hand zu nehmen und zu lesen, bedeutet von jetzt an für all jene, die den Verstorbenen gekannt haben, auch dies: ein Zwiegespräch über die Grenze des Lebens hinaus aufzunehmen. Wohin wird es uns noch tragen?

Meinen Nachruf möchte ich mit dem letzten Gedicht beschliessen, das mir Hadayatullah geschickt hat. Es mündet in eine Message, in den Aufruf, unter all den schlafenden Zeitgenossen die Wachsamkeit für die Wirkungen der Liebe zu kultivieren. Ihm, der selbst die Auseinandersetzung mit der extremen Rechten in Gesprächen und Leserbriefen nicht scheute, kann man das abnehmen, voll und ganz.

Fiktion

Wenn es denn wahr wäre,
Was Pop-Eye, Micky Maus und
All die Comic-Helden
Mit ihren Gesichtern und Hand-
Bewegungen verraten,
Wenn das, was die Zeitungen schrei-
Ben mehr wäre als das,
Was wir zwischen den Zeilen lesen,
Wir blieben in unserer Kiste
Hocken, höchstens mal ein Blick
Durch ein Astloch,
Merkten nicht, wie wir da zusammen
Gekauert gespenstisch werden,
Würden die Fesseln nicht spüren,
Die uns die Wärter verpassten,
So aber blieben wir hängen
In den Spinnennetzen der Aussenwelt;
Gut also, dass
Wir nicht alles glauben müssen,
Was sie da verzapfen,
Weil bei Good Day Sunshine
Das Funzellicht der Halogenlampen
Eingefangen wird von
Der blendenden Helligkeit des
Sterns, der uns treffen mag
Wie ein Blitz mit seinem Leuchten,
Dass wir zu Wachhunden werden
Inmitten der Schlafenden,
Die nicht wissen,
Was Liebe bewirken kann.

«Liebe für alle – Hass für keinen!» lautet die Maxime der muslimischen Ahmadiyya-Bewegung. Hadayatullah Hübsch hat sie vertreten und gelebt.
Danke, Hadayatullah, für die grosse Inspiration, die du für viele von uns darstelltest und die du für viele von uns darstellst und darstellen wirst!
Nichts ist verloren.
Geist ist unsterbliche Transmutation.
Bis Fadschr, mein Freund!

Florian Vetsch, geschrieben in den Morgenstunden des 8. Januars 2011, erstmals publiziert auf dem Blog des Songdog-Verlags.

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