Der Weg eines Lebens – Ein Hübsch Memorial

Von Jürgen Ploog

Das letzte Mal trafen wir uns im Café Helium in Frankfurt. Es war der Dezember kurz vor seinem Tod. Er war der einzige Schreiber, mit dem ich in Frankfurt Umgang habe, der darauf bestand, sich gelegentlich im Café zu treffen. Davor hatten wir uns es ein oder zweimal im Mozart verabredet, als es warm war & wir draussen sitzen konnten.

Wir kamen zusammen, um ein Interview zu besprechen, obwohl es nichts zu besprechen gab. Wir unterhielten uns einfach, Hadayatullah in seiner bescheidenen Art, die ohne Anspruch war.

Diese Begegnungen liefen unter einem selbstverständlichen Vorzeichen ab, geprägt vom Gedankenaustausch & dem Wind des freien Geistes.

Hadayatullah war voll von Namen, Querverbindungen & Projekten. Die meisten der Leute, auf die er sich bezog, kannte ich nicht. Von kleinen Verlagen & Redakteuren war die Rede, mit denen er zu tun hatte. Sein Arbeitspensum muss enorm gewesen sein, was allein aus seiner Korrespondenz zu schliessen ist.

Ich kannte ihn aus den Tagen des Heidi Loves You-Shops in der Bockenheimer Landstrasse, obwohl ich dort nur einmal aufgetaucht bin. Er wurde 1968 geschlossen, es muss also in den Jahren davor gewesen sein.

In der frühen Zeit nach seiner Konversion zum Islam trat er in pakistanischer Tracht auf & schien in fremde Bereiche abgedriftet zu sein. Aber das hielt nicht lang, nachdem klar wurde, dass er weiter schrieb & subkulturell aktiv blieb. Im Literaturbüro veranstaltete er einmal einen Cut-up Workshop, zu dem er mich zu einem Vortrag einlud. Bei einer gemeinsamen Lesung in Mainz las er ein längeres Gedicht, in dem er mich mit einer Gruppe Freaks in Florida besucht, um von dort aus zu einem Bustrip nach Las Vegas aufzubrechen.

Er war der Mann, der Fäden zog, so wie es Ginsberg im Kreis der Beats tat. Eine solche unaufdringliche Komplizenschaft ist selten, in Deutschland aussergewöhnlich. Seltsam, dass sie zum Schluss seines Lebens immer enger zu werden schien. Er war sich selbst treu geblieben, auch das etwas, das hierzulande völlig aus dem Rahmen fällt.

Sehe ich ihn als Imam, als Dichter, als Freund? Fraglos sind wir, auch literarisch, getrennte & eigenständige Wege gegangen, & das ist unter Unerschütterlichen eine Voraussetzung für gegenseitigen Respekt. Die verschiedenen Seiten seines Lebens verschmelzen zu einem Bild, das ihn als aussergewöhnliche Figur zeigt, die ihren Weg durch vielschichtige Zeiten gegangen ist.

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