AMOK KOMA

Von Carl Weissner

Carl Weissner
NEW YORKER NACHTJOURNAL
1967/68

1

Deadliner und Borderliner aus dem All, ein Alptraum von Menschenhaß und Wahn hat sie uns aufgehalst, jetzt werden wir sie nie mehr los. Hoodlum Gods, auf der Brücke über den Potomac, auf den Zinnen des Pentagon; falsch gewichste Latahs, inoperabel verkorkst und versaut. Sie heißen Haldeman, Ehrlichman, Colson, Magruder, Nixon, Mitchell, E. Howard Hunt. (Watergate, 1972 …) «You gotta feed the gods, or the gods will feed on you.» (Bukowski) «Not that they won’t feed on you anyway.»

Das Lambert Hendrix Ross Hotel in der First Avenue wartete auf sein Urteil: Baufällig?
Abriß? Oder was. Wir hausten zu sechst in einem Zimmer und verfeuerten
Orangenkisten im Kamin. Und Ray stickte fromme Sprüche in Sofakissen, mit
zittrigen Fingern, weil er wieder auf Entzug war. «Aim to please, shoot to kill.»
Antike Nervensysteme detonierten im Bowery Ballroom. Gebisse quollen aus der
Fresse von Zivilfahndern und wurden wieder eingesaugt. Das L+H+R Hotel
versank in Nacht und Staub und Tod von 1940.
Ray halluzinierte im Stehen und im Liegen. Unterwasser-Schreibmaschinen
platschten seine Visage über den gefühlsechten Bildschirm. Der Jazzpoet der Beat
Generation, zahnlos. Das gab zu denken.

Der Sheriff von Lake County hat Schwierigkeiten, das Wort «rape» auszusprechen.
«Der Kerl muß ein gottverdammtes Insekt sein. Mit tausend Saugnäpfen, die
funktionieren wie … Gelee! Petroleum Jelly! Napalm! Wir müssen diese unamerikanische
Kreatur ausrotten mit allem was wir haben! Hand me that Flame-thrower, willya, Billy-Bob …»

Ein Motto für Vietnam: >So viele zu killen und so wenig Zeit …<
Buckley’s Palazzo nannten sie das Feldlazarett, ein schwuler Einbeiniger malte psychedelisches Zeug auf die Zeltwand, und jeder warf im Vorübergehen eine Handgranate in die Hütte des Lieutenant. Einer wurde erwischt, als er in seiner Seekiste einen 81mm Mörser samt Munition mit nach Hause nehmen wollte. Schlaflose Nächte und endlose Tage im Big PX … Die zwei von der East 4th Street drohen jetzt mit Selbstverbrennung. (Sie sind Buddhisten und in Hué hat sich ja
ein buddhistischer Mönch …) Der Block ist abgesperrt, die Hydranten werden bewacht, die Bewohner sind evakuiert, das Gas ist abgestellt. Zweihundert Meter Luftlinie vom 9. Revier. Dort hält man es für dringender, den Peace Eye Bookstore
von Ed Sanders zu überfallen.

«Who are you to reject my poems?!» (Carol F. an Charles Bukowski, der zur Zeit ein schräges kleines Magazin mit dem Titel FUCK HATE herausgibt.) Ganz einfach, Carol: Er ist Bukowski, und du bist eine namenlose Fotze, die sich einbildet,
die zweite Sappho zu sein.

Den ersten Monat war ich einquartiert bei Gary Yourée (102 East 4th Street), der ein fast fertiges Romanmanuskript auf dem Tisch hatte. Es spielt in Louisiana, und die handelnden Personen sind so verwahrlost wie ihre Umgebung: «The old transformer station overgrown with crud and grease.» Das alte Trafohaus überwuchert von Schmant und Schmiere. Das hat mir fast den Mut zum Weiterschreiben geraubt.

Der Film hat Zigarettenlöcher und die Perforation ist verkleistert mit Rotz und Olivenöl. Er wellt und wirft sich und schnalzt aus der Führung, und auf deiner roten Kunstleder-Banquette im Howard Johnson’s reißt es dich nach hinten und oben, und du klebst sekundenlang an der Wand. Ein Experimentalfilm der Kuchar Brothers im Playhouse of the Ridiculous.

Das Taxi holpert durch die Schlaglöcher der 52. Straße, links und rechts türmen sich die schwarzen Müllsäcke, Blut und Ruß quillt aus den Kanaldeckeln, die Autos alle zu groß für die Hirne, die drinsitzen, und hinter der Kreuzung an der 6th Avenue klaffen die Teergruben aus dem Tertiär. Und du bist unterwegs zur Premiere von 2001. («Man, those apes are soo groovy! …»)

LIMBO
Carefully Selected
Dead Man’s Clothing
34 St Mark’s Place Open
2PM – 9PM

Während der Unterzeichnung eines Gesetzes zur Bekämpfung von Rauschgiftsucht an Schulen bricht es aus Lyndon Johnson heraus: «Die Frauen in diesem Land haben alle Angst vor Tittenkrebs! Die Titten sind ihre beschissene Nemesis! Die Titten, die Titten!» lallt er und stumpt einem Fotoreporter den Zeigefinger an die Brust. Struppige rote Haare sprießen ihm aus Ohren und Nase, pelziger Schimmel besiedelt seine gespaltene Zunge, die Stimmbänder ringeln sich umeinander, die Augen quellen heraus. Er reißt sich das Hemd aus der Hose und zeigt ihnen seine Operationsnarbe. Sie hat (dümmster Special Effect des Jahres) die Form von Vietnam.

Carlos Marighela erschossen. Den Chef-Comandante der Stadtguerilla von Rio und Sao Paulo erwischt es auf dem Rücksitz eines Volkswagen do Brasil. Chega de saudade, Mu’fu‘. Und jetzt Dutschke: «Der städtische Guerillero ist der Organisator schlechthinniger Irregularität als Destruktion des Systems der repressiven Institutionen.» Jesusfuckenchrist. Hoffnungslos.

SPECIAL MIDNIGHT SCREENING
Thursday, Nov. 9 & Tuesday, Nov. 14
Jack Smith
PRESENTS
HORROR AND FANTASY
AT MIDNIGHT
NEW CINEMA PLAYHOUSE
120 W. 42 Street
(inside the Wurlitzer Bldg)

Jack Smith, eine habichtnasige Schwuchtel mit einem Faible für 16mm-Filme, in denen einer stundenlang in Rückenansicht durch Marihuanafelder läuft, kommt im Paddelboot den East River herauf. «Der große verfettete Skorpion mit Silber und Blei in den Knochen hauste seit Wochen im Zimmer der weißen Sau in der Medina. Er lag in der Ecke wie dreihundert Pfund ranzige Schwarte und sah sie mit seinen winzigen rubinroten Augen an. Das Zimmer war weiß gekalkt, bis auf ihren Teil, der sich gelb verfärbt hatte durch den Abrieb von Lepra und Knochenfraß. Sogar ihr Make-up wurde dottergelb. Der Gilb hüllte sie ein wie eine Schwefelwolke in diesen letzten tragischen Tagen …»

Mit meinen toten Freunden bleibe ich auf Sendung, auch nachts um elf, wenn Jack Micheline in der 640 E 6 draußen auf meiner Feuerleiter hockt und mit den puertorikanischen Kids auf der Straße pfiffige Sprüche klopft. Es kommt vor, daß ich diesem und jenem etwas erzähle und warte, was er dazu sagt. Ich höre die vertraute Stimme, den Tonfall, die Art zu urteilen, sich zu ereifern oder zu amüsieren. Es ist ein sentimentaler Selbstbetrug, den sich jeder leisten sollte.

«Holden Caulfield ist ein Borderliner wie du und ich.»
Allen Ginsberg beim Rooibos-Tee im Blind Justice Coffeehouse.

Und Lynne B. in ihrem Fuchsbau in der 10. Straße (in das Apartment dringt kein Tageslicht) bäumt sich auf und keucht: «Mach mich fertig, du Tier! Fuck me blind!» Morgen abend liest sie mit Bonnie Bremser in meiner Serie «Tough Chicks Don’t Write Poems». Bonnie hat ein Buch darüber geschrieben, wie sie in Mexiko anschaffen ging (sie ist die Tochter des amerikanischen Botschafters in Tel Aviv), damit sich ihr Ray im Gefängnis von Laredo/Texas einen Anwalt leisten kann. «Du weißt», sage ich zu Lynn, die Gedichte schreibt, nachdem es ihr langsam und gewaltig gekommen ist
(mir nicht, weil ich noch mehr vorhabe),
«wer Bukowskis Lieblingsdichterin ist …»
«Nee, wer?»
«Sarah Teasdale. Eines Tages hat sie aus Versehen ihr Haus angezündet
und ist darin verbrannt, mitsamt ihren Gedichten.»
«Wie alt war sie? Neunzig?»
«Vierundzwanzig. Wie du.»
«Ich bring dich um! Ich … mmmhgrrrrbwwwllll!! …..»

Vier Uhr früh. Wer war alles hier? Ich weiß es nicht mehr, zuviel Zeug eingeworfen. Wer hat das hier liegenlassen? Meine Schrift ist es nicht:

«Mein Grund fürs Weiterleben hat sich Wort für Wort in meinen Venen aufgelöst. Es ist ein elender Trip. (>Sieht so aus, als hätte das Schicksal nachgeholfen< knurrt Humphrey B. im Schwarzweiß-Fernseher.) Der nasse Atem der Stadt, das verwitterte Backstein-Mietshaus, die Mauern verquollen wie alte Zeitungen im Regen, und eine Million schmierige Geheimnisse kriechen zurück in die Lungen der Zeit.»

Hm. Ist das von dir, Jim Silver? Hat dir dein Dealer katastrophalen Shit verkauft
im Tompkins Square Park? Sind deine Hämorrhoiden davon radioaktiv geworden?
Spaltest du morgen mittag beim Aufwachen deiner Freundin den Schädel mit der Feuerwehr-Axt, die ich dir stehlen half aus der stillgelegten Fire Station da hinten,
ja ich weiß warum das Department die Feuerwache geschlossen hat,
es kamen schon damals keine Löschzüge mehr durch, vor lauter Müll sind die Straßen geschrumpft auf einen schmalen Pfad in der Mitte, wenn du hier ein brennendes Streichholz fallen läßt, geht das ganze Viertel in Rauch auf.

«In einer Ecke des Konzentrationslagers Treblinka waren 700 000 Leichen verscharrt.
Sie wogen 35 000 Tonnen und füllten ein Volumen von 9000 Kubikmetern.»
(Steiner, G. u. Jean-Francois, Study of Treblinka)

*Intergalactic*
Trading Post
17 St. Mark’s Pl. 677-3780
Wholesale & Retail

Zum Pdf geht’s hier: AMOK KOMA

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